das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr
eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen. Man sollte aber
warten. Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann
mittleren Alters auf deutsch an. Er war ein juedischer Anwalt aus
Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich,
wie er sagte, oefters im Cafe Skala gesehen. Er war ganz allein,
sprach kein Wort polnisch. Was fuer ein Elend, dachte ich. Er hatte
gehoert, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen fuer Fluechtlinge aus
der Tschechoslowakei, koennte ich ihm helfen, dorthin zu kommen. Wir
kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, fuer tschechische
politische Fluechtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren
auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls fuer
ihn hatten sie keinen Platz, er waere ja nur ein "wirtschaftlicher"
Fluechtling. Wir mussten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir,
wir wurden aufgehalten, mussten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er
hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen
Fluechtlingsausweis erhalten. Ich musste meinen Militaerausweis zeigen,
da stand ja Nationalitaet deutsch, Bekenntnis mosaisch. Das schien
schwieriger fuer die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb
verhaftet. Dann hiess es, der Zug geht doch weiter, ich wurde
freigelassen und stieg wieder in mein Coupe, es war mehr Platz, ich
konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen Dombrowa-Olkusz, kamen nach
Wolbrom. Es kam schon die Morgendaemmerung und man sah eine Gruppe
von Flugzeugen, sie flogen niedrig, passten sich den Konturen des
huegeligen Gelaendes an, eigenartig und unheimlich. Waren das schon
deutsche Flugzeuge? Man wusste es nicht, aber konnte wenig Illusionen
haben. Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemuehungen des 31.
August, belgischhollaendisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun
der fruehe Morgen des 1. September. Die eigene Situation war schwer
zu glauben. Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein
in diesem Zug, wohin fuhr er? Wo fuehrte das alles hin, versank jetzt
alles, was man kannte? Ich sah einen Lichtblick: Es wuerde wohl das
Ende Hitlers sein, auch Deutschland wuerde von ihm befreit werden,
aber was war der Preis? Was hiess Krieg 1939 verglichen mit 1914?
Was wuerde die Zerstoerung durch Flugzeugbomben sein? Man hatte von
Guernica viel gehoert, wuerden alle Staedte im Nu zerstoert werden?
Fuer meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen
zusaetzlichen gehoerigen Schock bekommen. Schon in den Wochen vor
Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und
Verdaechtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz
andere Formen an.
Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltuer geoeffnet, mein
Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg
ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschraenken.
Man wartete auf die naechste groessere Station, Tunel, Knotenpunkt mit
der Bahn von Krakau nach Warschau, was wuerde man dort hoeren, wie war
das mit diesen Flugzeugen? Die Abteiltueren gingen auf, man sprach
die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten
Bomben abgeworfen. Also das war es, der Krieg war da.
Es war noch frueher Morgen am 1.September. Alles war bedrueckt und
aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coupe musste sie gerufen haben,
wir beide wurden verhaftet. Es war wieder dasselbe, auf seinen
Fluechtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich musste warten.
Es war wohl auch besser, dass wir uns trennten. Schliesslich konnte
ich auch weiterfahren, musste nochmals den Zug wechseln, es gab
weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und