Das trug ihr eine Menge der boesesten Spottnamen ein, und die es am
besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die
"wueste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brueder aber nur "die Schwarze";
denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten,
buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein
merkwuerdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und straeubte sich
beharrlich gegen Kamm und Flechtenbaender. Ob der Koenig aus Mohrenland
unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in
Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie
einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, dass die
"wueste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen,
auf die laecherlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch
allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch,
behaengte, ihre Person ansehnlicher und liebenswuerdiger zu machen. Was
sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die
redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Baender oder
gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar
durchflocht und so, zum grossen Aergernis der Alten und Gespoett der
jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet
ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriss und
sie mit Hunger und Schlaegen dafuer buessen liess.
Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen
Jahre kam und sich das Gefuehl fuer den Spott der jungen Burschen in ihr
schaerfte. Zum Unglueck aber loeste eine noch unheilvollere Torheit jene
erste kindische ab, und sie liess ihr, freilich mit besserer
Entschuldigung, noch haltloser den Zuegel schiessen. Sie warf naemlich
ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Bruedern verkehrten,
gerade auf den schoensten, der sie von frueh an mit der unverhohlensten
Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom
guten alten Meraner Schlag, ein etwas traeges Gemuet in einem starken,
herrlich gebildeten Koerper, ein eifriger Kirchgaenger, kundiger
Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur fuer den Hausbedarf
spann, am wenigsten aber mit unnuetzen Liebschaften Zeit und Geld
vertat, da es ueberhaupt in diesen romantischen Taelern im Punkte der
Liebe und Ehe meist kaltbluetiger und geschaeftsmaessiger zugeht, als
fluechtige Reisende sich traeumen lassen. Damals, als die schwarze
Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer,
der eines der alten Herrenschloesser unterm lfinger, auf einer Hoehe
ueber der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn
gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den
feudalen Truemmern in grossem Stile zu errichten. Ausser dem Sohne,
Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten
feinere Erziehung genoss und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als
der Vater ploetzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun
heimkommen liess, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war
ein sanftes, blasses, schoenaeugiges Maedchen, aelter als der Joseph, ihr
Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Geluesten trug,
sich ein Stueck Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht
heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der
Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Huetten der
Kranken und Duerftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne
es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine
Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr
zufrieden, da sie sein Haus, die Gemaecher naemlich, die noch in
wohnbarem Stande waren, geraeuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich
von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch
Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es
ihm zweckmaessig, dass seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem