Download PDF
ads:
Der Verschwender
Ferdinand Raimund
The Project Gutenberg EBook of Der Verschwender, by Ferdinand Raimund
Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.
This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
header without written permission.
Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used. You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
Title: Der Verschwender
Author: Ferdinand Raimund
Release Date: October, 2004 [EBook #6654]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 10, 2003]
Edition: 10
Language: German
Character set encoding: ASCII
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER VERSCHWENDER ***
Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
German books in London.
This Etext is in German.
ads:
Livros Grátis
http://www.livrosgratis.com.br
Milhares de livros grátis para download.
We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
may require more specialized programs to display the accents.
This is the 7-bit version.
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg2000.de erreichbar.
Der Verschwender
Ferdinand Raimund
Original-Zaubermaerchen in drei Aufzuegen (1834)
Personen:
Erster Aufzug:
Fee Cheristane
Azur, ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell, ein reicher Edelmann
Wolf, sein Kammerdiener
Valentin, sein Bedienter
Rosa, Kammermaedchen, dessen Geliebte
Chevalier Dumont, Flottwells Freund
Herr von Pralling, Flottwells Freund
Herr von Helm, Flottwells Freund
Herr von Walter, Flottwells Freund
Gruendling, Baumeister
Sockel, Baumeister
Fritz, Bedienter
Johann, Bedienter
Dienerschaft Jaeger. Gaeste in Flottwells Schoss. Genien
Zweiter Aufzug
(spielt um drei Jahre spaeter):
Ein Bettler
Julius von Flottwell
Wolf, Kammerdiener
Valentin, Bedienter
Rosa, Kammermaedchen
Praesident von Klugheim
Amalie, seine Tochter
Baron Flitterstein
Chevalier Dumont
Herr von Walter
Ein Juwelier
Ein Arzt
Ein altes Weib
ads:
Ein Haushofmeister
Ein Kellermeister
Ein Diener
Betti, Kammermaedchen
Max, Schiffer
Thomas, Schiffer
Gaeste. Bediente. Taenzer. Taenzerinnen
Dritter Aufzug
(spielt um zwanzig Jahre spaeter):
Fee Cheristane
Azur, ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell
Herr von Wolf
Valentin Holzwurm, ein Tischlermeister
Rosa, sein Weib
Ihre Kinder Liese, Michael, Hansel, Hiesel und Pepi (vier Jahre alt)
Ein Gaertner
Ein Bedienter
Bediente. Nachbarsleute. Bauern. Senner und Sennerinnen. Genien
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Vorsaal in Flottwells Schloss. Mit Mittel- und vier Seitentueren,
vorne ein Fenster. Dienerschaft in reichen Livreen ist im Saale
beschaeftigt. Einige tragen auf silbernen Tassen Kaffee, Tee,
Champagner, ausgebuerstete Kleider nach den Gemaechern der Gaeste.
Fritz und Johann ordnen an. Ein paar Jaeger putzen Gewehre.
Chor.
Hurtig! Hurtig! Macht doch weiter!
Holt Champagner! Kaffee! Rum!
Bringt den Gaesten ihre Kleider,
Tummelt euch ein wenig um.
Alles sei hier vornehm, gross
In des reichen Flottwells Schloss.
(Im Hofe ertoenen Jagdhoerner. Alle ab bis auf Fritz und Johann,
welche ans Fenster treten.)
Fritz. Ja blast nur zu! Da koennt ihr noch lange blasen. Die
Herrschaften sind erst aufgestanden. Heute wird es eine spaete
Jagd geben.
Johann. Das Spiel hat ja bis zwei Uhr gedauert.
Fritz. Ja wenn sie nach dem Souper zu spielen anfangen! Da ist
kein Ende.
Johann (lachend). Aber heute Nacht haben sie den Herrn schoen gerupft.
Fritz. Ich kann mich aergern, dass er so viel verspielt.
Johann. Warum denn? Er wills ja nicht anders. Die reichen Leute
sollen die Langeweile bezahlen, die sie andern verursachen.
Fritz. Ah, ueber den gnaedgen Herrn ist nichts zu sagen. Das ist
ein wahrhaft nobler Mann. Er bewirtet nicht nur seine Freunde,
er unterstuetzt die ganze Welt. Die Bauern, hoer ich, zahlen ja
fast niemals eine Abgabe.
Johann. Er hat mir nur zu heftige Leidenschaften. Wart, bis du
ihn einmal in Wut erblickst. Da schont er weder sein noch eines
andern Glueck. Da kann alles zugrunde gehen.
Fritz. Aber wenn er sich besinnt, ersetzt ers sicher dreifach
wieder.
Johann (achselzuckend). Ja! Wenns nur immer so fortgeht.
Fritz. Wer ist denn der junge Mann, der gestern angekommen ist?
Ein scharmanter Mensch.
Johann. Das weiss ich nicht. Das wird sich schon noch zeigen. Fuer
mich gibt es nur zweierlei Menschen. Menschen, die Trinkgeld
geben, und Menschen, die keines geben. Das bestimmt meine
Dienstfertigkeit.
Fritz. Ich finde, dass er sehr hoeflich ist.
Johann. Da wird er vermutlich sehr wenig geben. Wer mich mit
Hoeflichkeit beschenkt, macht mich melancholisch. Aber wenn mir
einer so einen Dukaten hinwirft und zuruft: Schlingel, heb ihn
auf! da denk ich mir: Ha! welch eine Lust ist es, ein Schlingel
zu sein!
Zweiter Auftritt
Vorige. Pralling.
Pralling (tritt einen Schritt aus seinem Kabinett und ruft).
He! Bediente!
Beide (sehen sich um). Ja! Befehlen?
Pralling. Ich habe schon zweimal geklingelt. Wollen Sie so
gefaellig sein, mir Rum zu bringen?
Johann (vornehm nickend). Sogleich, mein Herr! (Zu Fritz.)
Hast du den gehoert? Der hat mir in sechs Wochen noch keinen
Pfennig Trinkgeld gegeben, und ein solcher Mann hat bei mir
keinen Anspruch auf Rum zu machen. Den lass ich warten.
Fritz. Oh, auf den acht ich auch nicht. Der Herr haelt ja nicht
viel auf ihn.
Johann. Das ists, auf was man sehen muss. Auch der Kammerdiener
mag ihn nicht.
Fritz. Nun, wenn ihn der nicht mag, da kann er sich bald aus
dem Schlosse trollen. Der wird ihn schon gehoerig zu verleumden
suchen.
Johann. Ja, der reitet auf der Gunst des gnaedgen Herrn, und
niemand kann ihn aus dem Sattel werfen.
Fritz. Du kennst ja seinen Wahlspruch: Alles fuer den Nutzen
meines gnaedgen Herrn, und dabei stopft er sich die Taschen voll.
Johann. Das wird aber auch eine schoene Waesche geben, wenn dem
seine Betruegereien einmal ans Tagslicht kommen. Ich kenne keinen
raffinierteren Schurken. Da ist unsereiner gerade nichts dagegen.
Dritter Auftritt
Vorige. Wolf aus dem Kabinette rechts. Sein Betragen ist gegen
Diener sehr nobel stolz, gegen Hoehere sehr demuetig.
Wolf (hoert die letzten Worte). Schon wieder Konferenz? Von wem
war hier die Rede?
Johann. Von einem guten Freund.
Wolf. Nu ihr seid solcher Freundschaft wert! Ist alles besorgt?
Die Gaeste bedient?
Johann. Auf das puenktlichste!
Wolf. Der gnaedge Herr laesst euch verbieten, von den Gaesten
Geschenke anzunehmen. Ihr habt sie von seiner Freigebigkeit
zu fordern.
Beide. Dann haben wir dadurch gewonnen.
Wolf. Seid uneigennuetzig. Das ist eine grosse Tugend.
Johann. Aber eine sehr schwere--nicht wahr, Herr Kammerdiener?
Wolf. Wo ist der Valentin? Hat er die Quittung von der Saengerin
gebracht?
Fritz. Er ist noch nicht zurueck, obwohl der gnaedige Herr befohlen
hat, er muesste bei der Jagd erscheinen, damit die Herren auf der
Jagd etwas zu lachen haetten.
Wolf (laechelnd). Ein wahrhaft unschaedlicher Bursche.
Johann. Da sollten doch der Herr Kammerdiener ein Werk der
Barmherzigkeit ausueben und den gemeinen Kerl aus dem Hause bringen.
Wolf. Gott bewahre mich vor solcher Ungerechtigkeit. Das waere
gegen die Gesinnung meiner gnaedgen Herrschaft. Der Bursche ist
zwar plump und roh, doch gutmuetig und treu. Dann steht er in der
Gunst des Herrn, der seine Diener alle liebt wie eigne Kinder.
Ja das ist wohl ein seltner Mann, der in der Welt nicht
seinesgleichen findet. Und wollte man sein Lob in Buechern
schreiben, man wuerde nie damit zu Ende kommen. Drum dankt dem
Himmel, der euch in dies Haus gefuehrt, denn wer ihm treu dient,
der hat sich wahrlich selbst gedient. Das Fruehstueck fuer den
gnaedgen Herrn!
Fritz. Sogleich! (Geht ab.)
Johann (im Abgehen). Die Moralitaet dieses Menschen wird mich
noch unter die Erde bringen. (Ab.)
Wolf. Das sind ein paar feine durchgetriebne Schufte. Die muss
ich mir vom Halse schaffen.
Vierter Auftritt
Voriger. Baumeister Gruendling.
Gruendling. Guten Morgen, Herr Kammerdiener, kann ich die Ehre
haben, Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?
Wolf. Herr Baumeister, ich muss um Verzeihung bitten, aber Seiner
Gnaden haben mir soeben befohlen, Sie bei jedermann zu
entschuldigen, denn Sie machen heute eine Jagdpartie.
Gruendling. Wissen Sie nicht, Herr Kammerdiener, ob Herr von
Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses fuer gut
befunden hat?
Wolf. Er hat ihm sehr gefallen. Nur hat sich der Umstand ereignet,
dass ihm auch ein anderer Baumeister einen aehnlichen Plan vorgelegt
hat und sich erbietet, das Schloss in derselben Groesse um zehntausend
Gulden wohlfeiler zu bauen.
Gruendling. Das tut mir leid, aber als ehrlicher Mann kann ich
es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen. Ich
uebernehme diesen Bau ueberhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus
Gewinnsucht, hat aber Herr von Flottwell einen Kuenstler
gefunden, von dem er sich Schoeneres oder Besseres verspricht,
so werde ich mich zu bescheiden wissen.
Wolf. Das heisst, es ist Ihnen nichts daran gelegen.
Gruendling. Im Gegenteil, es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.
Wolf. Ja dann muessen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.
Gruendling. Es waere sehr traurig fuer die Kunst, wenn es mit ihr
so weit gekommen waere, dass die Kuenstler Opfer bringen muessten,
um Gelegenheit zu finden, ein Kunstwerk hervorzubringen. Die
Kunst zu unterstuetzen, ist ja der Stolz der Grossen, und eine
oekonomische Aeusserung waere an dem geldberuehmten Herrn von Flottwell
etwas Unerhoertes.
Wolf. Sie verstehen mich nicht, Herr Baumeister.
Gruendling. Genug! Morgen will ich mit Herrn von Flottwell
selbst darueber sprechen. Glauben Sie aber nicht, Herr Kammerdiener,
dass ich ein Mann bin, der nicht zu leben versteht. Sollten Sie
sich fuer die Sache bei dem gnaedgen Herrn gluecklich verwenden, so
werde ich mich sehr geehrt fuehlen, wenn Sie ein Geschenk von
hundert Dukaten nicht verschmaehen wollen.
Wolf. Sie verkennen mich. Eigennutz ist nicht meine Sache, ich
spreche nur zum Vorteil meines gnaedgen Herrn!
Gruendling. Den werden Sie durch mich besser bezwecken, als wenn
das Schloss von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.
Wolf. Nun gut. Ich will versuchen, was mein geringer Einfluss
zugunsten eines so grossen Kuenstlers vermag, und gelingt es mir,
so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen, dass
Sie mir erlauben, es auf eine wohltaetige Weise fuer andere zu
verwenden.
Gruendling. Ganz nach Ihrem Belieben. (Beiseite.) Die Kunst mag
mir diese Herabwuerdigung verzeihen. (Laut.) Morgen erwarte ich
einen guenstigen Bescheid. (Will ab.)
Wolf (blickt zum Fenster hinaus). Teufel! der andere. (Schnell.)
Wollen Sie nicht so gefaellig sein, sich ueber die Nebentreppe zu
bemuehen, weil die Bedienten auf der grossen Moebel transportieren.
Ich empfehle mich ergebenste (Laesst ihn durch eine Seitentuer
hinausgehen. Wolf allein.) Diese Zitrone gibt wenig Saft, jetzt
wollen wir die andere pressen.
Fuenfter Auftritt
Voriger. Baumeister Sockel.
Sockel. Guten Morgen, Herr von Wolf! Sie haben mich rufen
lassen, ich waere schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus
stuetzen muessen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab.
Verstanden? Ich sag Ihnens, man moecht jetzt lieber Holz hacken
als Haeuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur
ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander.
Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter
Zimmer, keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne
Haeuser auch so duenn, als wenn s' blosse Futteral ueber die alten
waeren. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide
Einwohner rechnen koennen, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein
Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Stuehl
umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein
Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und
endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?
Wolf. Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns
vernuenftig reden.
Sockel. Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph
der Vernunft. Verstanden?
Wolf. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, dass
Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.
Sockel. Hoeren Sie auf, oder ich stuerz zusamm wie eine alte
Gartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht moeglich!
Verstanden?
Wolf. Der gnaedge Herr will den Baumeister Gruendling nehmen.
(Ein Bedienter, der Flottwell das Fruehstueck gebracht hat,
kommt zurueck.)
Sockel. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja
tausend G--
Wolf (rasch auf den Bedienten blickend). Nun ja, Sie haben mir
da tausend Gruende gesagt, die--
Sockel. Nein, ich habe Ihnen versprochen--
Wolf. Ja (stampft unwillig mit dem Fuss), Sie haben versprochen,
gute Materialien zu nehmen. Fritz, dort hat jemand gelaeutet. (Der
Bediente geht in ein Kabinett ab.) Aber ich kann nicht dafuer,
dass ein anderer gekommen ist, der noch groessere Versprechungen
gemacht hat und das Schloss um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.
Sockel. Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu
bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher,
und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?
Wolf. Es macht Ihnen sehr viel Ehre, dass Sie so ueber Ihren
Kollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!
Sockel. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. (Beiseite.)
Ich kann den Bau nicht auslassen, er traegt mir zu viel ein.
(Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzaehlens.)
Verstanden? (Laut.) Liebster Herr Kammerdiener, ich weiss, es
haengt nur von Ihnen ab. Der gnaedige Herr bekuemmert sich nicht
darum, er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden
Konventionsmuenze.
Wolf. Herr!--Was unterfangen Sie sich--
Sockel. Ich unterfange mich, Ihnen noch fuenfhundert Gulden zu
bieten.
Wolf. Sie haeufen ja Beleidigung auf Beleidigung--
Sockel. Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt.
Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich muss Ihnen
noch fuenfhundert Gulden antragen.
Wolf. Halten Sie ein! Sie empoeren mich mit solchen unmoralischen
Zumutungen!
Sockel (beiseite). Ah, da moecht man sich selber koepfen.
Wolf. Ich sehe ein, dass Ihre Ehre--
Sockel. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande, wenn
man ein Schloss baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht
vergolden deswegen. (Beiseite.) Nur das Geld ist verloren!
Wolf. Man wird Sie auslachen!
Sockel. Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.
Wolf. Wie war das moeglich?
Sockel. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.
Wolf. Ja sind Sie denn verheiratet?
Sockel. Leider! Verstanden?
Wolf (aengstlich). Haben vielleicht Kinder!
Sockel. Jawohl.
Wolf. Ach, das ist ja sehr traurig. Wie viele?
Sockel. Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur
den Bau.
Wolf. Ja das muss ich wissen.
Sockel. Fuenf, und zwei noch zu erwarten! Verstanden?
Wolf. Entsetzlich! Das ruehrt mich!
Sockel. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausend
Gulden.
Wolf (mit Bedauern). Sie sind Familienvater! Sie haben fuenf
Kinder! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und der andere
Baumeister hat vielleicht keine Kinder.
Sockel. Kein einziges.
Wolf. Ah, da muessen Sie ja den Bau erhalten. Das waere ja die
hoechste Ungerechtigkeit.
Sockel. O Sie edelmuetger Mann!
Wolf. Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen. Aber Sie muessen
mir versprechen, ein Meisterstueck fuer die Ewigkeit hinzustellen--
Sockel. Zehn Jahre keine Reparatur--
Wolf. Denn der Vorteil meiner gnaedgen Herrschaft geht mir
ueber alles.
Sockel (weinend). Grosse Seele!
(Beide in Flottwells Kabinett ab.)
Sechster Auftritt
Valentin.
Valentin.
Lied
Heissa lustig ohne Sorgen
Leb ich in den Tag hinein,
Niemand braucht mir was zu borgen,
Schoen ists, ein Bedienter z' sein.
Erstens bin ich zart gewachsen
Wie der schoenste Mann der Welt,
Alle Saeck hab ich voll Maxen,
Was den Maedchen so gefaellt.
Zweitens kann ich viel ertragen,
Hab ein lampelfrommen Sinn,
Vom Verstand will ich nichts sagen,
Weil ich zu bescheiden bin.
Drittens kann ich praechtig singen,
Meine Stimme gibt so aus,
Denn kaum lass ich sie erklingen,
Laufen s' alle gleich hinaus.
Viertens kann ich schreiben, lesen,
Hab vom Rechnen eine Spur,
Bin ein Tischlergsell gewesen--
Und ein Mann von Politur.
Fuenftens, sechstens, siebntens, achtens
Fallt mir wirklich nichts mehr ein,
Darum muss meines Erachtens
Auch das Lied zu Ende sein.
Ah! heut kann ich einmal mit Recht sagen: Morgenstund tragt
Gold im Mund. Hat mir die Saengerin, die neulich bei unserm
Konzert eine chinesische Arie gesungen hat, fuer das Honorar,
was ich ihr von dem gnaedigen Herrn ueberbracht hab, zwei blanke
Dukaten geschenkt. Der gnaedige Herr hat ihr aber auch fuer
eine einzige Arie fuenfzig Dukaten bezahlen muessen. Das ist
ein schoenes Geld. Aber das ist doch nichts gegen Engeland.
In London, hoer ich, da singen s' gar nach dem Gewicht. Da
kommt eine von den grossen Noten auf ein ganzes Pfund, drum
heisst man s' auch die Pfundnoten. Da verdient sich eine an
einen einzigen Abend einige Zenten. Die muessen immer ein Paar
Pferd halten, dass sie ihnen das Honorar nachfuehren. Aber es
war auch etwas Goettliches um diese Saengerin. Ich versteh doch
auch etwas von der Musik, weil ich in meiner Jugend oefter nach
den Noten gepruegelt worden bin, aber im Distonieren kommt ihr
keine gleich. Ich hab die ganze Arie nicht hoeren koennen, weil
ich im Hof unten war und die Jagdhund besaenftigt hab, damit s'
nicht so stark dreingeheult haben, aber einmal hat sie einen
Schrei herausgelassen--Nein, ich hab schon verschiedene
Frauenzimmer schreien ghoert, doch dieser Ton hat mein Innerstes
erschuettert. Aber den schoensten Wohlklang hat sie doch erst
gezeigt, wie sie die zwei Dukaten auf den Tisch geworfen hat,
das macht sie unsterblich. Und wenn ich ein Theaterdirektor waer:
die engagieret ich unter den schoensten Bedingungen. (Rosa
schleicht sich herein, tritt langsam vor und steht bei den
letzten Worten mit verscblungenen Armen neben ihm.) Und
gelaechelt hat sie auf mich--gelaechelt hat sie--
Rosa. Nun und wie hat sie denn gelaechelt? (Laechelt boshaft.)
Wie denn? Hat sie so gelaechelt--so?
Valentin. Ah, hoer auf! Das ist ja nur eine Travestie auf ihr
Laecheln. Du wirst dir doch nicht einbilden, dass du das auch
imstand bist?
Rosa. Warum? Warum soll sie besser lachen koennen als ich?
Valentin. Nun, eine Person, die fuer eine Arie fuenfzig Dukaten
kriegt, die wird doch kurios lachen koennen?
Rosa. Ja, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, und die werd
ich sein. Ich brauch keinen solchen Liebhaber, der in die Stadt
hineinlauft und den Theaterprinzessinnen die Cour macht.
Valentin. Ich muss tun, was mir mein Herr befiehlt. Punktum!
Rosa. Du und dein Herr ist einer wie der andere.
Valentin. Nu das waer mir schon recht, da waer ich auch ein
Millionaer wie er.
Rosa. Du hast deine Amouren in der Stadt, und er hat s' im Wald
draus. Und wie schaust denn wieder aus? Den ganzen Tag hat man
zu korrigiern an ihm! Ist denn das ein Halstuch gebunden, du
lockerer Mensch? Geh her! (Bindet es ihm.)
Valentin. So hoer auf, du erwuergst mich ja, schnuer mich nicht so
zusamm!
Rosa. Das muss sein.
Valentin. Nein, das Schnueren ist sehr ungesund. Es wird jetzt
ganz aus der Mod kommen. Du sollst dich auch nicht so zusammradeln.
Rosa. Das geht keinen Menschen was an!
Valentin. Aber wohl! Das Schnueren haett sollen gerichtlich
verboten werden, aber die Wirt sind dagegen eingekommen.
Rosa. Wegen meiner! Ja apropos, du stehst ja da, als wann ein
Feiertag heut waer? Wirst gleich gehn und dich anziehn auf die Jagd!
Valentin. Jetzt muss ich wieder auf die verdammte Jagd.
Rosa. Ja wer kann dafuer, dass du so ein guter Jaeger bist?
Valentin. Ah, ich jag ja nicht, ich werd ja gejagt. Sie behandeln
mich ja gar nicht wie einen Jaeger. Ich ghoer ja unters Wildpret.
Das letztemal hat der gnaedige Herr eine Wildente geschossen,
und weil kein Jagdhund bei der Hand war, so hab ich sie muessen
aus den Wasser apportieren, und wie ich mitten drin war, haben
sie mich nimmer herauslassen.
Rosa. Und das lasst du dir so alles gfallen?
Valentin. Ja weil ich halt fuer meinen Herrn ins Feuer geh, so geh
ich halt auch fuer ihn ins Wasser.
Rosa. Nu so tummel dich, es wird gleich losgehen.
Valentin. Die verflixte Jagd! Wann man nur nicht so hungrig wuerd,
aber ich versichere dich: Ein Jaeger und ein Hund frisst alle
Viertelstund.
Rosa. Schaem dich doch!
Valentin. Du glaubst nicht, was man auszustehen hat. Was einem
die Gaest alles antun. Meiner Seel, wenn mir nicht wegen dem
gnaedigen Herrn waer, ich pruegelt sie alle zusamm.
Rosa. So red doch nicht immer vom Pruegeln in einem vornehmen
Haus. Da sieht man gleich, dass du unterm Holz aufgewachsen bist.
Valentin. Wirf mir nicht immer meinen Tischlerstand vor.
Rosa. Weil du gar so pfostenmaessig bist.
Valentin. Schimpf nicht ueber mein Metier.
Rosa. Lass mich gehn. Ich nehm mir einen andern. Ich weiss schon,
wem ich heirat.
Duett
Rosa. Ein Schlosser ist mein schwache Seit,
Das ist der erste Mann,
Der sorgt fuer unsre Sicherheit
Und schlagt die Schloesser an.
Valentin. Mein Kind, da bist du schlecht bericht,
Der Tischler kommt zuvor,
Der Schlosser ist der Erste nicht,
Der Tischler macht das Tor.
Rosa. Ein Schlosser ist zu schwarz fuer mich
Und seine Lieb zu heiss.
Valentin. Verliebt sich ein Friseur in dich
Der macht dir nur was weiss.
Rosa. Nein! nein! ein Drechsler! o wie schoen!
Der ist fuer mich gemacht.
Valentin. Der kann dir eine Nasen drehn,
Da nimm du dich in acht.
Rosa. Ein Baeck, der ist mir zu solid,
Ich fuercht, dass ich mich haerm.
Valentin. So nimm dir einen Kupferschmied,
Der schlagt ein rechten Laerm.
Rosa. Mit einem Schneider in der Tat,
Da kaem ich praechtig draus
Valentin. Doch wenn er keine Kunden hat,
So geht der Zwirn ihm aus.
Rosa. Ein Klampfrer ist ein sichrer Mann,
Dem fehlt es nie an Blech.
Valentin. Ich ratet dir ein Schuster an
Es ist halt wegnem Pech.
Rosa. Ein Hutrer waer wohl nicht riskiert,
Der hat ein sichres Gut.
Valentin. Ja wenn die Welt den Kopf verliert,
Da braucht kein Mensch ein Hut.
Rosa. Ein Spekulant, o welche Pracht--
Doch haett ich kaum den Mut.
Valentin. Ah, wenn er pfiffig Krida macht,
Da gehts ihm erst recht gut.
Rosa. Kurzum, ich wend im Kreis herum
Vergebens meinen Blick.
Drum kehr ich zu dem Tischler um,
Er ist mein einzig Glueck.
Valentin. Verlass dich auf den Tischlerjung,
Der macht dir keinen Gram.
Und kriegt das Glueck einmal ein Sprung,
Der Tischler leimts zusamm.
Beide. Ein schoener Stand ist doch auf Ehr
Ein wackrer Handwerksmann.
Seis Schneider, Schuster, seis Friseur,
Ich biet das Glas ihm an.
(Beide ab.)
Siebenter Auftritt
Helm, im Jagdkleide, tritt aus seinem Kabinett. Wolf aus
Flottwells Zimmern.
Helm. Nun wie stehts, Herr Kammerdiener, gehts bald los?
Wolf (sehr geschaeftig). Jawohl, der gnaedge Herr wird gleich
erscheinen. (Laeuft zum Fenster.) Heda, Jaeger, lasst euch hoeren!
Pagen, fuehrt die Pferde vor! Buechsenspanner, schnell herauf!
(Man hoert Jagdhoerner.)
Helm. Holla, holla, hurtig, meine Herren! kommt heraus, der
Tanz geht an.
(Mehrere Gaeste kommen teils zur Mitte, teils aus den Seitentueren,
auch Pralling. Valentin. Alle sind jagdmaessig gekleidet.)
Pralling. Guten Morgen allerseits!
Alles (gegenseitig). Guten Morgen! Gut geschlafen?
Helm. Potz Donnerwetter, war das eine schlechte Nacht!
Pralling. Mein Schlaf ist wie ein liederlicher Diener, wenn
ich ihn rufe, kommt er nicht.
Helm. Er ist ein freier Mann und kommt nur, wenn er will.
Walter. Eine Kokette ist er, die sich ziert, bevor sie uns umarmt.
Achter Auftritt
Vorige. Chevalier Dumont im eleganten Jagdanzug.
Dumont (blickt durch eine einfache Lorgnette). Ah bon jour, mes
amis! (Er spricht gebrochen deutsch.) Wie aben Sie geschlafen?
Alle. Ah, unser Naturfreund!
Dumont. Ja, Messieurs, der Natur sein gross. Ick aben wieder
geschwelgt in ihren Reizen. Der ganzen Nacht bin ick am Fenster
gelegen, um der Gegend zu betrachten. O charmant!
Neunter Auftritt
Vorige. Flottwell. Sockel.
Flottwell. Guten Morgen, edle Freunde!
Alle. Guten Morgen!
(Einige schuetteln ihm die Hand.)
Flottwell. Wir kommen spaet zur Jagd. Ich hoffe, dass die Herren,
die heut zum erstenmal in meinem Schloss geruht, mit der
Bedienung so zufrieden waren, als ichs nur immer eifrig
wuenschen kann. Gern haett ich Ihren Schlaf mit suessen Traeumen
auch bewirtet, doch leider stehn die nicht in meinem Sold.
Ein Gast. Mir hat von Lilien getraeumt.
Helm. Und mir von einer wilden Sau, der ich den Fang gegeben hab.
Walter. Ich hab die Gastfreundschaft an einem goldnen Tisch
gesehen, und deutscher Lorbeer hat ihr Haupt geschmueckt.
Pralling. Ich habe all mein Glueck auf die Coeur-Dame gesetzt,
und als ich es verloren hatte, bin ich aufgewacht.
Flottwell. Und was hat dir getraeumt, Freund Valentin?
Valentin. Mir hat getraeumt, Euer Gnaden haetten mir vier Dukaten
geschenkt.
Flottwell (lachend). Das ist ein eigennuetzger Traum, doch will
ich ihn erfuellen.
Valentin. Ich kuess die Hand Euer Gnaden.
Flottwell. Was mir getraeumt hat, kann ich euch noch nicht
entdecken. Es war ein suesser Traum, dienstfertig meinem hoechsten
Wunsch, er hat mir meines Lebens Zukunft rosig abgespiegelt.
Helm. Dir hat gewiss von einem Rendezvous getraeumt. Spitzbub!
Was? Von Augen wie Rubin und solchem dummen Zeuch.
Flottwell (lachend). Du kannst etwas erraten haben, Herzensbruder.
Es soll ein Rendezvous fuers ganze Leben werden. Doch still
davon, mein Herz ist uebermuetig heut, es koennte sich verraten.
Pralling. Wir kennen Ihre Schliche schon, Sie haben andre Jagd
im Sinn als wir.
Flottwell. So ist es auch. Jagt euren Freuden nach, um mich
braucht ihr euch nicht zu kuemmern. Wir haben jeder andre
Leidenschaft.
Pralling. Ich leide an der Gicht.
Helm. Ich bin ein passionierter Jaeger.
Walter. Ich spreche dem Champagner zu.
Dumont. Und ick bewundre der Natur.
Helm. Das nimmt mich wunder, Chevalier. Sie sind ja kurzsichtig.
Dumont. Das sind der Menschen alle.
Pralling. Und wenn Sie fahren, schlafen Sie im Wagen.
Dumont. O, das macken nichts. Ein wahrer Naturfreund muessen
ihrer Schoenheit auch im Schlaf bewundern koennen.
Helm. Das kann ich nicht. Mein Liebling ist die Jagd.
Flottwell. Heda! bringt uns Bordeaux. Die Herren sollen sich
begeistern.
Dumont. Mackt mir der Fenster auf, dass ick der Landschaft kann
betrachten. (Sieht durchs Glas.)
Wolf. Hier ist Bordeaux!
(Er ordnet die Diener, welche schon bereitet standen und ihn
in gefuellten Stengelglaesern auf silbernen Tassen praesentieren.)
Walter (ruft). Herrlicher Wein!
Dumont (am Fenster entzueckt rufend). Himmlischer Wasserfall!
Flottwell (schwingt das Glas). Auf ewge Freundschaft und auf
langes Leben, meine Herren!
Alle. Der reiche Flottwell lebe lang!
Dumont (wie vorher, ohne ein Glas genommen zu haben). Ha! der
Kirchhof macken sich dort gut.
Flottwell. Oh, waer ich ueberreich! Ich wuenscht es nur zu sein,
um meine Schaetze mit der Welt zu teilen. Was ist der Mammon
auch! das Geld ist viel zu sehr geachtet. Drum ists so stolz.
Es will nie in des armen Mannes Tasche bleiben und stroemt nur
stets dem Reichen wieder zu.
Helm (enthusiasmiert). Wer ist so gut wie unser edler Flottwell
hier?
Walter. Ich kenne kein Gemuet, das seinem gleicht.
Alle. Jawohl!
Dumont. Un enfant gate de la nature.
Flottwell. Oh, lobt mich nicht zu viel. Ich habe kein Verdienst
als meines Vaters Gold. Will mirs die Welt verzeihn, ists wohl
und gut, und tut sies nicht, mag sie sich selbst mit ihrem Neid
abfinden. Ich kaempfe nicht mit ihm. Mein Glueck ist kuehn, es
fordert mich heraus, darum will ich mein Dasein grossartig
geniessen, und wollen Sorgen mich besuchen, lass ich mich
verleugnen. Duestern Philosophen glaub ich nicht. Nicht wahr,
Freund Helm, man muss das Leben von der schoenen Seite fassen?
Der Himmel ist sein herrlichstes Symbol. Die gluehnde Sonne
gleicht dem heissen Brand der Liebe, der mildgesinnte Mond
der innigen Freundschaft, die reiche Saat der Sterne ist ein
Bild der Millionen Freuden, die im Leben keimen. Die ernsten
Wolken sind zwar kummervolle Tage, doch Frohsinn ist ein
fluechtger Wind, der sie verjagt.
Sockel. Ein Goettermann! Ein wahrer Goettermann! Verstanden!
Flottwell. Gebt doch ein Glas auch unserm wackern Baumeister.
Oh, das ist gar ein wichtger Mann hier, meine Herren, der wird
ein neues Schloss uns bauen, und diese Hallen wollen wir der
Zeit nicht laenger vorenthalten. Flottwells Haus solls heissen,
noch ein Glas auf dieses Ehrenmannes Werk! (Zu Sockel, barsch.)
Trinken Sie!
Sockel (erschrickt, dass er das Glas fallen laesst). Verstanden!
Alle (schwingen die Glaeser). Flottwells Haus! Lang solls bestehn!
Flottwell (stuerzt ein Glas hinein). Und nun zur Jagd, Ihr Herren!
Werft die Glaeser hin und nehmt 's Gewehr zur Hand! Der Wald ist
euer Eigentum und all mein Wild. Doch hetzt mirs nicht zu sehr,
ich kanns nicht leiden, denn der Hirsch weint wie ein Mensch,
wenn er zu Tod gepeinigt wird. Und seit ich dieses Schauspiel
sah, hab ich die Jaegergrausamkeit verloren. Nun Glueck zur Jagd!
Der Abend fuehrt uns wieder hier zusammen, dann wollen wir beim
vollen Glas besprechen, wer eines edlern Sieges sich zu freuen
hat? Ihr! oder ich!
Alle. Holla zur Jagd! (Alles ab.)
(Hoerner toenen.)
Dumont (verweilt noch am Fenster, bis die andern alle zur Tuer
hinaus sind, dann ruft er) Himmlische Natur! (und folgt den
andern nach).
Zehnter Auftritt
Dann unter rauschender Musik Verwandlung in eine goldene Feenhalle,
rueckwaerts die Aussicht in eine reizende Berggegend. In der
Mitte der Halle ein grosser runder Zauberspiegel, vor ihm ein
goldner Altar mit einer Opferschale auf Stufen.
Cheristane, in ein lichtblaues faltiges Gewand gehuellt, welches
mit Zaubercharakteren geziert ist, und das Haupt mit einer goldnen
Krone geschmueckt, kommt von der Seite, ein goldnes Buch und
einen Zauberstab tragend.
Cheristane.
Der Kampf ist aus, ich habe mich besiegt.
Beschlossen ists, ich scheide von der Erde.
Wenn auch mein Herz dem Kummer unterliegt,
Ich leide nur, dass er gerettet werde.
(Sie nimmt von dem mittleren Zacken ihrer Krone eine blaue Perle.)
Komm, teure Perle, die den Geist umschliesst,
Den letzten der sich beugt vor meiner Macht,
Die bald fuer ihn in eitles Nichts zerfliesst!
Ich opfre dich in diesem goldnen Schacht.
(Sie wirft die Perle in die goldne Schale. Eine blaue Flamme
entzuendet sich in ihr, der Donner rollt. Kurze passende Musik.
Der Spiegel ueberzieht sich mit Rauch.)
Nun zeig dein Haupt, umkraenzt von Zauberschein,
Und blick mich an mit holden Demantaugen!
Erschein! Es soll Azur dein Name sein!
Lass Hoffnung mich aus deinen Worten saugen!
(Musik.--Fuerchterlicher Donnerschlag. Der Rauch hebt sich und
in dem Spiegel erscheint Azur, in Silberdock aegyptisch gekleidet,
das Haupt umhuellt, die halbentbloessten Arme und das Antlitz ist
mit blauer Folie ueberzogen, statt der Augen leuchten zwei
glaenzende Steine. Magische Beleuchtung.)
Azur.
Du! die du mich durch Zaubermacht geboren,
Gebietest du mir Segen oder Fluch?
Cheristane.
Zu Flottwells Schutzgeist hab ich dich erkoren.
Azur.
Darf ich das sein? Blick in des Schicksals Buch!
(jetzt folgt eine zitternde Musik darunter.)
"Kein Fatum herrsch auf seinen Lebenswegen,
Er selber bring sich Unheil oder Segen.
Er selbst vermag sich nur allein zu warnen,
Mit Unglueck kann er selbst sich nur umgarnen,
Und da er frei von allen Schicksalsketten,
Kann ihn sein Ich auch nur von Schmach erretten."
Cheristane.
Mir ist bekannt des Schicksals strenger Spruch,
Der, mich zu strafen, tief ersonnen ist.
Empfange hier mein goldnes Zauberbuch.
Es wird dich lehren, welche schlaue List
Mein liebgequaelter Geist erfunden hat.
Doch ich muss machtberaubt von hinnen fliehn.
Darum vollziehe du statt mir die Tat
Und lass mich trostlos nicht nach meiner Heimat ziehn.
Azur (nimmt das Buch).
Zieh ruhig heim, treu will ich fuer dich handeln,
Als Retter sollst du wieder mich erblicken.
(Die Wolke schliesst sich. Musik.)
Cheristane.
Oh, haett ichs nie gewagt auf Erd zu wandeln,
Zu bitter straft sich dieser Lust Entzuecken!
(Sie sinkt aufs Knie und beugt ihr Haupt kummervoll vor dem Altar.)
Elfter Auftritt
Unter klagender Musik Verwandlung in einen kurzen Wald.
An der Seite ein Huegel mit Gestraeuche.
Jaeger ziehen ueber die Buehne.
Jagdchor.
Gilts, die Waelder zu durchstreifen,
Hebet freier sich die Brust.
Kuehn den Eber anzugreifen,
Ist des Jaegers hoechste Lust.
Holla ho! Holla ho!
Weidgesellen froh!
Ist die Faehrte aufgefunden,
Waelzt er sich im schwarzen Blut,
Spiegelt sich in seinen Wunden
Noch des Abends letzte Glut.
Holla ho! Holla ho!
Jaegerbursch ist froh!
Zieht man heim nach Jaegersitte,
Winkt die Nacht uns traut zur Ruh,
Sucht man seines Liebchens Huette,
Schliesst das Pfoertlein leise zu.
Holla ho! Holla ho!
Jaegersbraut ist froh! (Alle ab.)
(Valentin, der im Gestraeuch versteckt war, kommt hervor.)
Valentin. Wegen meiner jagt ihr fort, solang ihr wollt. Ich
werd mich da so wildschweinmaessig behandeln lassen. Ich schiesset
alle zusammen, die Sappermenter, wenn ich nur einen Hahn auf
der Flinten haett. Ich kann gar nicht begreifen, was denn die
vornehmen Leut mit der verdammten Jagd immer haben.
Lied
Wie sich doch die reichen Herrn
Selbst das Leben so erschwern!
Damit s' Vieh und Menschen plagen,
Muessen s' alle Wochen jagen.
Gott verzeih mir meine Suenden,
Ich begreif nicht, was dran finden,
Dieses Kriechen in den Schluchten,
Dieses Riechen von den Juchten.
Kurz, in allem Ernst gesagt:
's gibt nichts Dummers als die Jagd.
Schon um drei Uhr ist die Stund
Fuer die Leut und fuer die Hund.
Jeder kommt mit seinem Stutzen,
Und da fangen s' an zum putzen.
Nachher rennen s' wie besessen,
Ohne einen Bissen z' essen,
Ganze Tage durch die Waldung,
Und das ist a Unterhaltung!
Ah, da wird eim Gott bewahrn,
D' Jaeger sind ja alle Narrn.
Kurz, das Jagen lass ich bleiben.
Was die Jaegerburschen treiben,
Wie s' mich habn herumgestossen,
Bald haett ich mich selbst erschossen.
Ueber hunderttausend Wurzeln
Lassen eim die Kerls purzeln,
Und kaum liegt man auf der Nasen,
Fangen s' alle an zu blasen,
Und das heissen s' eine Jagd!
Ach, dem Himmel seis geklagt.
Mued als wie ein ghetzter Has
Setzt man sich ins kuehle Gras,
Glaubt, man ist da ganz allein,
Kommt ein ungeheures Schwein.
Und indem man sich will wehren,
Kommen rueckwaerts ein paar Baeren,
Auf der Seiten ein paar Tiger,
Und weiss Gott noch was fuer Vieher,
Und da steht man mitten drin!
Dafuer hab ich halt kein Sinn. (Laeuft ab.)
Repetition
Nein, die Sach muss ich bedenken.
D' Jaeger kann man nicht so kraenken.
Denn, wenn keine Jaeger waeren,
Fraessen uns am End die Baeren.
's Wildpret will man auch geniessen,
Folglich muss doch einer schiessen.
Bratne Schnepfen, Haselhuehner,
Gott, wie schaetzen die die Wiener!
Und ich stimm mit ihnen ein:
Jagd und Wildpret muessen sein. (Ab.)
Zwoelfter Auftritt
Verwandlung
Eine reizende Gegend, im Hintergrunde ein klarer See, von
lieblichen Gebirgen eingeschlossen. Rechts ein Fels, ueber
ihm der Eingang in Cheristanens Felsenhoehle, vor welcher sie
in ihrem frueheren Kostuem, doch ohne Krone steht und in die
Ferne blickt.
Cheristane. Nun hat er bald die steile Hoeh erklommen und wird
den suessen Blick nach Minnas Huette senden, von der er waehnt,
dass sie sein Liebstes stets umschirme. So mag er denn zum
letztenmal sich ihres Anblicks freuen.
(Kurze Musik. Sie verwandelt sich in ein liebliches Bauermaedchen,
im italienischen Geschmacke zart gekleidet, und sinkt rasch
in den Fels, welcher zu einer freundlichen Huette wird, die von
Reben und Blumen umrankt ist und aus deren Tuer sie schnell
ueberraschend tritt. Zugleich verwandeln sich die Kulissen in
orientalische hohe Blumen und goldgesaeumte Palmen, die noch
praktikabel gegen die Mitte der Buehne reichen. Nachdenkend
setzt sie sich im Vordergrunde auf eine mit Blumen behangene
Rasenbank.)
Ach! selber darf er sich nur warnen,
Mit Glueck und Unglueck selbst umgarnen,
Und da er frei von allen Schicksalsketten,
Kann er nur selbst von Schmach sich retten.
O trueber Schicksalsspruch, der einem Kinde Fluegel leihet und
sie seinem Engel raubt.
Dreizehnter Auftritt
Vorige. Flottwell.
Flottwell (froh). Heitern Tag, mein teures Maedchen, sei nicht
boese, dass ich selbst so spaet erscheine, denn meine Sehnsucht
ist schon lang bei dir. Doch--sag! was ist dir? Du bist
traurig! Wer hat dir was zu Leid getan? Quaelt dich die
Eifersucht? Bist du erkrankt? Betruebt? Sprich! Oder willst
du mich betrueben?
Cheristane (steht bewegt auf). Dich? mein Julius, nein, das
will ich nicht! (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt
ihr Haupt an seine Brust.)
Flottwell. So bist du halb nur die, die mich sonst ganz
beglueckt. Die frohere Haelfte fehlt, und nur die truebe ruht
an meiner Brust. Komm, lass uns Frieden schliessen, trautes
Kind. Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt. Du sollst
nicht laenger hier in deiner Huette weilen. Du musst mir morgen
schon nach meinem Schlosse folgen. Zu lange schmueckt der
Brautkranz deine seidnen Locken, er koennte sonst auf deiner
Stirne welken. Die Welt muss als mein treues Weib dich gruessen,
du darfst durchaus nicht laenger widerstreben.
Cheristane. Oh, mehr' mein Leid nicht! Zieh mich nicht auf
diese Hoehe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten
darf. Ich habe dich getaeuscht! ich bin nicht das Geschoepf,
das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.
Flottwell. Sei, was du willst. Hoer nur nicht auf, die
Liebenswuerdigkeit zu sein. Drei Jahre sind es, als ich auf
der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal
erblickte. Befremdend glaenzte deine Schoenheit in der niedern
Huette wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand. Du weihtest
mir dein Herz. Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst
und wer du seist. Und sieh! ich war so folgsam wie ein Kind,
nie hast du eine andre Frag gehoert, als ob du mich auch immer
lieben wirst. Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt
und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Traeume schmuecken.
Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist,
mir wars genug, dass dus fuer mich getan.
Cheristane. Dir waren sie geweiht, doch bluehten sie umsonst.
Sie sollten dein Gemuet in ihre duftgen Kreise ziehn und dich
den wahren Wert des Glueckes lehren. Ich hab es nicht erreicht.
Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend. Du willst, dein
Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt
an deine goldne Tafel. Ach, moechte sie dirs einst mit Liebe
lohnen!
Flottwell. Sie wird es tun, zeig nicht so duestern Sinn. Komm,
folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.
Cheristane. Umsonst. Zu spaet! Du kannst mich laenger nicht
besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.
Flottwell (wild und heftig). Es darf nicht sein. Wer wagt
den Raub an meinem liebsten Gut?--
Cheristane. Das Schicksal!
Flottwell. Glaub es nicht! Mein Glueck hat Mut, so schnell laesst
es sich nicht besiegen. (Umschlingt sie.) Ich lass dich nicht
aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich
lieben, bis du zu mir wiederkehrst.
(Musik.--In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit
einer goldnen Krone auf dem Haupte ueber den See.)
Cheristane. Hinweg von mir, (fuer sich) schon fuehl ich meiner
Macht Vergehen. Siehst du den purpurroten Aar, der sein
befiedert Haupt mit einer Kron geschmueckt?
Flottwell. Was sprichst du da? Kein Vogel regt sich hier!
(Musik.--Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend
auf Cheristane gerichtet ist, fliegt ueber den See.)
Cheristane. Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an
meine Heimkehr mahnen? Zieht nur voraus, ich folge bald.
(Blickt starr nach.)
Flottwell. Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt! Sag
an, was sind das fuer Gestalten? und wer ist der gekroente Aar?
Cheristane (feierlich). Illmaha, die Feenkoenigin. (Sie sinkt
nieder und beugt ihr Haupt. Dann faehrt sie fort.) Wisse denn,
kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrueckt. Cheristane
ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat
sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen ueber Persien
und Arabien ziehen.
Flottwell. Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort
des Schicksals Fluch? dann waer ja die Erd ein Himmel und die
Ewigkeit Exil?
Cheristane. Oh, hoere mich, bevor du laesterst! Schon dreimal
sind es sieben Jahre, dass ich euren Stern betrat. Um Wohltat
auf der Erd zu ueben, sandte mich die Koenigin. Sie drueckte
eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In
jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen
du benuetzen kannst in jeglicher Gestalt. Verwende sie mit
Weisheit zu der Menschen Heil. Wenn du die letzte Perle hast
geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurueck,
um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen. Weh dir,
wenn du Unwuerdige beglueckst und so den edlen Schatz dem
Duerftigen entziehst.--(Pause, in der sie Julius wehmuetig und
bedeutungsvoll anblickt.) Ob ichs getan, wird mir die Zukunft
zeigen!--Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines
Vaters Schloss den siebzehnjaehrgen Julius erblickte. Du warst
so hold wie Fruehlingszeit, und ich vermochte nicht, mein
liebgereiztes Aug von dir zu wenden. Von diesem Augenblick
hatt ich dein Glueck in mir beschlossen, und viele Perlen
loeste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und
deines Vaters Haupt. Daher der unermessne Reichtum, den er
sich in kurzer Zeit erwarb. Oh, haett ichs nie getan! Er starb.
Vom Undank nicht beweint, von dir allein. Du wardst der Gueter
Herr, und nun erkannt ich erst, dass alles, was ich fuer dein Wohl
zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglueck
werden kann. Ich konnte meinem Herzen laenger nicht gebieten,
ich fuehrte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein hoechstes
Glueck in deiner Lieb gefunden. Nun ist der Traum vorueber.
Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte musst ich heut
noch deinem Wohle opfern. Einst hab ich nicht bedacht, dass
sie das Sinnbild bittrer Traenen werden koennte.
Flottwell. O Cheristane! was hast du getan? Ich lass dich nicht
und werfe alles hin, wenn du mir bleibst. Und ziehst du fort,
nimm auch mein Leben mit.
Cheristane. Oh, du bist freigebig gleich einem Koenig, du
koenntest eine Welt verschenken, um einer Muecke Dasein zu
erhalten. Doch ich will deine Grossmut nicht missbrauchen.
Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur. Ein Jahr, das
ich mir waehlen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.
Flottwell. Oh, nimm es hin! Nimm alles hin! Nimm dir das
gluecklichste, das einzige, das die nichtswuerdge Seligkeit
umfaengt, die ich noch ohne dich geniessen kann.
Cheristane. Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben.
Und nun bin ich gefasst, fall ab, du irdscher Tand! Nur dieser
Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, dass Cheristane einst
auf Erden hat geliebt. (Wehmuetige Musik. Sie verwandelt sich
in die Gestalt einer reizenden Nymphe. Zugleich verwandelt
sich die Huette in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist,
von Palmen gleich Trauerweiden ueberschattet wird und in
welchem der Name Cheristane eingegraben ist. Die praktikablen
Blumen neigen sich, und aus den Gestraeuchen heben sich zarte
Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Fuessen.) Die Sonne
sinkt, die Blumen neigen ihre Haeupter, und meine Genien weinen
still, weil sie mit mir die schoene Erde meiden muessen. Die
Zeit ist da! Verbannung winkt!
(Musik.)
Flottwell (stuerzt bewegt zu ihren Fuessen). O Cheristane! Toete mich!
Cheristane. Hab Dank fuer deine suesse Treu, mein teurer Erdenfreund!
Was mich betruebt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht
unser kuenftig Los enthuellen, doch koenntest du des Donners
Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du wuerdest Cheristane
um dich klagen hoeren. Oh, koennt ich meine Lieb zu dir in aller
Menschen Herzen giessen, ich wuerde reich getroestet von dir ziehn!
(Sie geht in die Kulisse. Die Genien folgen ihr. Musik beginnt.
Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes
Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben,
so dass das Ganze eine schoene Gruppe bietet, langsam aus der
Kulisse ueber den See, in welchem sich ploetzlich die ganze
Gruppe abspiegelt. In diesem Augenblick blickt sie noch
einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.) Julius, gedenke
mein! (Dann verhuellt sie sich schnell in den dunklen Schleier
ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und ploetzlich verwandeln
sich die rosigen Segelschleier in Trauerfloere, sowie die
Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie
durch einen Zauberschlag erscheint. Der rosige Himmel
umwoelkt sich duester, und nur aus einem unbewoelkten Feld
schimmern ihr noch bleiche Sterne nach. Indem Cheristane
in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)
Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, lass mich
in meinem Schmerz vergehn! (faellt der Vorhang langsam.)
Zweiter Aufzug
Drei Jahre spaeter
Erster Auftritt
Morgen. Im Hintergrunde die Hauptfronte von Flottwells
neuerbautem Schlosse. An dem Fusse der breiten Stufen, welche
zu dem palastartigen Portale fuehren, sitzt ein Bettler.
Abgetragne Kleider, doch nicht zerlumpt. Wanderstab. Sein
Haar ist grau, und tiefer Gram malt sich in seinen Zuegen.
Die Morgensonne beleuchtet ihn. Seitwaerts ist ein Gittertor,
durch welches man in den Schlossgarten sieht. In der Ferne
erblickt man auf einem Huegel das frueher bewohnte Schloss
Flottwells. Die Fenster des neuen Schlosses sind geoeffnet,
in dem grossen Saale brennen noch Lichter.
Flottwell und einige Gaeste lehnen am Fenster.
Chor (im Tafelsaale).
Lasst brausen im Becher den perlenden Wein!
Wer schlafen kann, ist ein erbaermlicher Wicht.
Und guckt auch der Morgen zum Fenster herein,
Ein ruestiger Zecher lacht ihm ins Gesicht.
Ha! ha! ha! ha!
(Schallendes Gelaechter.)
Der Bettler (zugleich mit dem Chor).
Oh, hoert des armen Mannes Bitte
Und reicht ihm einen Bissen Brot!
Der Reichtum thront in eurer Mitte,
Mich drueckt des Mangels bittre Not.
(Das Gelaechter beantwortet gleichsam sein Lied.)
Chor.
Die duesteren Sorgen werft all ueber Bord!
Ein Tor, der die Freude nicht maechtig erfasst.
Das Leben haelt ja nur dem Froehlichen Wort,
Wer niemals genoss, hat sich selber gehasst.
Ha! ha! ha! ha!
Bettler.
Oh, lasst mich nicht vergebens klagen,
Seid nicht zu stolz auf eure Pracht!
Ich sprach wie ihr in goldnen Tagen,
Drum straft mich jetzt des Kummers Nacht.
(Er senkt sein Haupt.)
(Valentin und Rosa kommen aus dem Garten.)
Valentin. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du mit
dem Kammerdiener nicht so grob sein sollst. Du weisst, was
er fuer ein boshafter Mensch ist, am End verschwaerzt er uns
beim Herrn.
Rosa. Still sei und red nicht, wenn du nichts weisst. Ich muss
grob sein, weil ich eine tugendhafte Person bin.
Valentin. Ah, das ist ja keine Konsequenz. Da muessten ja die
Sesseltrager die tugendhaftesten Menschen auf der Welt sein.
Rosa. Bist du denn gar so einfaeltig? Merkst du denn noch
nicht, dass mir der Kammerdiener ueberall nachschleicht, dass
ich nicht einmal in der Kuchel a Ruh hab.
Valentin. Ja was will er denn von dir?
Rosa. Er will mich zu seiner Kammerdienerin machen.
Valentin. In der Kuchel drauss? Er soll in seiner Kammer
bleiben, wenn er ein ordentlicher Kammerdiener ist. Du gibst
ihm doch kein Gehoer?
Rosa. Du willst ja nicht, dass ich ihm meine Meinung sagen soll.
Valentin. Aber wohl! Das hab ich ja nicht gewusst. Wirf ihm
deine Tugend nur an Kopf! Es schadt ihm nicht. Uebrigens ist
das sehr schoen von dir, dass du mir das sagst.
Rosa. Nun warum soll ichs denn nicht sagen? Ich mag ihn ja
nicht. Wenn er mir gfallet, so saget ich nichts.
Valentin. Bravo! Das sind tugendhafte Grundsaetze. Aber der
duckmauserische Kammerdiener! Der geht mir gar nicht aus den
Kopf.
Rosa. Es ist nicht mehr zum Aushalten mit ihm. Alles will er
dirigieren. Um die duemmsten Sachen bekuemmert er sich.
Valentin. Jetzt lauft er gar dir nach.
Rosa. Ueberall muss er dabeisein.
Valentin. Nu neulich haben s' fuer unsern Koch Stockfische
gebracht, da war er auch dabei. Wenn nur mit unsern gnaedgen
Herrn etwas zu reden waer, aber der ist seit einiger Zeit
verstimmt als wie ein alts Klavier.
Rosa. Weil nichts aus seiner Heirat wird. Der Herr Praesident
von Klugheim gibt ihm seine Tochter nicht. Er kann ihn gar
nicht leiden.
Valentin. Wie soll er ihn denn nicht leiden koennen? Er kommt
ja heut zur Tafel.
Rosa. Ja wenn sich die Leute alle leiden koennten, die
miteinander an einer Tafel sitzen, da waer die ganze Welt
gut Freund. Was ausser dem Herrn Praesidenten da in unser Haus
hergeht, das heisst man Tafelfreunde. Das sind nur Freunde von
der Tafel, aber nicht von dem, der Tafel gibt.
Valentin. Und der Herr Praesident?
Rosa. Bei dem ists ganz ein andrer Fall. Das ist ein Ehrenmann.
Der halt ein bessere Ordnung in sein Haus als unser Herr. Ich
bin sehr gut bekannt dort, denn das Stubenmaedel ist meine beste
Freundin.
Valentin. Ich auch. Der Kutscher schaetzt mich ungemein. Und
der fuehrt das ganze Haus.
Rosa. Ich hoer fast jedes Wort. Der Herr Praesident mag unsern
Herrn nur darum nicht, weil er so grossen Aufwand macht, er
fuercht sich halt, er geht zugrunde Der Baron Flitterstein ist
ganz ein anderer Mann und fast so reich wie unser Herr. Den
muss das gnaedge Fraeulein heiraten.
Valentin. Das darf nicht sein. Da muss ich mit dem Kutscher
drueber reden. Einen bessern kann sie gar nicht kriegen als
unsern Herrn. Er ist so wohltaetig, so gut.
Rosa. Zu gut ist auch ein Fehler. Ich bin viel zu gut mit dir.
Und kurz und gut, der Herr Praesident gibts halt nicht zu.
Valentin. Sie ist ja wahnsinnig in ihm verliebt. Sie lasst ihn
nicht.
Rosa. Sie muss. Da hats schon viele Auftritt geben. Sie kommen
immer heimlich zusammen, der Herr Praesident darfs gar nicht
wissen. Dass du nur niemand etwas sagst.
Valentin. Ich werd doch nicht meinen Herrn verraten. Aber warum
ladet er denn den Baron Flitterstein heut ein? Er steht ja auf
der Liste.
Rosa. Weil er muss. Der Herr Praesident waer ja nicht gekommen ohne
ihn. Drum war schon gestern grosse Tafel, weil heut der Fraeulein
Amalie ihr Geburtstag ist. Aber gestern sind sie nicht gekommen.
Da war der gnaedge Herr desperat, hat einen langmaechtigen Brief
geschrieben an den Herrn Praesidenten. Der Kammerdiener ist damit
in die Stadt geritten, ist ganz erhitzt nach Haus gekommen und
hat die Nachricht gebracht, dass sie heut erscheinen werden; aber
der Baron kommt mit.
Valentin. Das ist doch erschrecklich, was sie mit dem Herrn
treiben. Wann ich nur wuesst, was da zu tun ist. Soll sich denn
diese Sach gar nicht ausputzen lassen?
Rosa. Putz du deine Kleider und deine Stiefel aus und kuemmere
dich nicht um Sachen, die sich nicht fuer dich schicken.
Valentin. Ich fuercht nur, wenn ihm s' der Baron wegheirat, er
tut sich ein Leid an. Am End wirds noch das beste sein, dass ich
selber mit dem Herrn Praesidenten vernuenftig darueber red.
Rosa. Du? Nu das wuerd ein schoener Diskurs werden. Untersteh
dich, das waer ja eine Beleidigung fuer einen solchen Herrn.
Valentin. Ja es ist nur, dass man sich hernach keine Vorwuerf
zu machen hat. Wenn heut oder morgen ein solches Unglueck passiert.
Rosa. Nu geh nur, du einfaeltiger Mensch!
Valentin. Ja man kann nicht vorsichtig genug sein, weil das
eine grosse Verantwortung waer.
(Beide ab.)
Zweiter Auftritt
Flottwell und sein Haushofmeister aus dem Schloss.
Flottwell. Wie stehts mit uns, mein alter Haushofmeister? Ist
alles so, wie ichs befohlen habe? Ich will an Glanz durchaus
nicht uebertroffen werden, und fuer Amaliens Freude ist kein
Opfer mir zu gross.
Haushofmeister. Jawohl ein Opfer, gnaedger Herr. Da sich das
Gastmahl heute glaenzender noch wiederholt, so wird die Rechnung
ziemlich stark ausfallen.
Flottwell. Drum ists ein Glueck, dass Er sie nicht zu zahlen
braucht. Der reiche Flottwell wird doch keinen Heller schulden?
Wie ist es mit dem Schmuck, den ich bestellt, hat ihn der
Juwelier noch nicht gebracht?
Haushofmeister. Noch weiss ich nichts.
Flottwell (auffahrend). Den Augenblick schickt nach der Stadt.
Es ist die hoechste Zeit, er sollte schon die vorge Woche fertig
sein.
Haushofmeister. Haetten Euer Gnaden ihn bei dem braven Mann
bestellt, den ich Euer Gnaden empfohlen habe, so wuerden Sie
ihn schon besitzen. Er wuerde schoen und billig ausgefallen
sein. Allein der Kammerdiener hat--
Flottwell. Mir einen bessern anempfohlen. Ists nicht so?
Haushofmeister. Das glaub ich kaum.
Flottwell. Die Meinung steht Ihm frei. Doch lieb ichs nicht,
wenn meine Diener mir als Lehrer dienen wollen. Dies fuer die
Zukunft. Nun den Juwelier. (Wendet sich von ihm.)
Haushofmeister (fuer sich, gekraenkt). O Treue, was bist du fuer
ein armer Hund, dass Undank dich mit Fuessen treten darf. (Ab.)
Dritter Auftritt
Flottwell. Der Bettler, welcher immer mit unbedecktem Haupt
erscheint.
Flottwell. Ein altes Moebel aus des Vaters Nachlass. Der Mann
ist immer unzufrieden mit allem, was ich tue. Die alten Leute
sind doch gar zu wunderlich. Ich bin so schlecht gelaunt. Heut
wird ein heisser Tag auf Flottwells Schloss, ein gross
entscheidender. Ich kann Amalie nicht verlieren, sie nicht in
eines andern Arm erblicken, ich hab es ihr geschworen; und
gelingt es mir nicht, ihren Vater zu gewinnen, laesst er nicht
ab, sein Kind dem Starrsinn aufzuopfern, so muesste ich zu einem
boesen Mittel greifen. Schon gestern hab ich einen Brief
erwartet. Gott! wenn sie wanken koennte. (Erblickt den Bettler,
der nachdenkend mit seinem Stabe in den Sand schreibt.) Was
macht der Bettler dort! Ich hab ihn heut vom Fenster schon
bemerkt, und sein Gesang hat mich ganz sonderbar ergriffen.
Mir wars, als haett ich ihn schon irgendwo gesehn und als
wollt er meiner Lust ein Grablied singen. Mich wunderts,
dass ihn meine Dienerschaft hier sitzen laesst. Was schreibst
du in den Sand mit deinem Bettelstab?
Bettler. Die Summen Goldes, die ich einst besass.
Flottwell. So warst du reich?
Bettler (seufzend). Ich wars.
Flottwell. Dass du Verlust betrauerst, zeigt die Traen in
deinem Auge.
Bettler. Was ich betraure, spiegelt sich in meiner Traene!--
Ein Palast.
Flottwell (betroffen). Oho!--Was warst du, und wie heissest du?
Bettler. Es ist die letzte Aufgabe meines Lebens, beides zu
vergessen. Das einzge Mittel, das mich vor Verzweiflung retten
kann.
Flottwell. Sonderbar. (Wirft ihm ein Goldstueck in den Hut.)
Hier nimm dies Goldstueck! (Will nach dem Garten gehen.)
Bettler (springt auf und stuerzt zu seinen Fuessen, ohne ihn je
zu beruehren). O gnaedger Herr, schenken Sie mir mehr, schenken
Sie mir eine Summe, welche Ihrer weltberuehmten Grossmut
angemessen ist.
Flottwell. Bist du beweibt, hast du so viele Kinder?
Bettler. Ich bin allein, nur Gram begleitet mich.
Flottwell (wirft ihm noch ein Goldstueck hin). So saettge dich
und jag ihn fort.
Bettler. Er laesst sich nicht so leicht verjagen als das Glueck.
Flottwell. Er ist nur Wirkung, heb die Ursach auf.
Bettler. Vermoegen Sie die Ursach Ihrer Lieb zu tilgen?
Flottwell. Wer sagt dir, dass ich liebe?
Bettler. Wer denket gross und liebet nicht?
Flottwell. Willst du mir schmeicheln, Bettler? Schaeme dich!
Bettler. Soll Schmeichelei denn nur ein Vorrecht reicher
Menschen sein? Sie stammt von Bettlern ab, weil sie von
Geistesarmut zeigt.
Flottwell. Ich frag dich nicht, um deines Missmuts Spott zu
hoeren. (Beiseite.) Mir ist so bang in dieses Mannes Naehe. Du
kannst mit dem Geschenk zufrieden sein. (Will gehn.)
Bettler (flehend). Nein, gnaedger Herr! ich bin es nicht, ich
darfs nicht sein. Erbarmen Sie sich meiner Not. Nicht Habgier
ists. Nicht Bettlerlist. Beschenken Sie mich reich, ich werde
dankbar sein!
Flottwell. So nenn mir deinen fruehern Stand.
Bettler. Ich nenn ihn nicht. Der Armut Rost hat meinen Schild
zernagt, wer fraegt darnach, was ihn einst fuer ein Sinnbild
zierte. Ich weiss es, ich begehre viel, und meine Forderung
kann mich in Verdacht des Wahnsinns bringen. Doch ist er fern
von meinem Geist, und werd ich noch so reich bedacht, so hab
ich einst viel groessere Summen selbst gegeben.
Flottwell. Oh, schaem dich, so um Geld zu jammern, es ist das
Niedrigste, was wir beweinen koennen. Du hast genug fuer heut,
ein andermal komm wieder.
Bettler. Ich bin ein Bettler und gehorche. (Verbeugt sich und
geht langsam fort.)
(Ein Diener eilig mit einem Brief.)
Diener. Gnaedger Herr! ein Brief. (Uebergibt ihn und geht wieder
fort.)
Flottwell (sieht die Aufschrift). Von Amalie, von meiner
himmlischen Amalie. (Liest.) "Mein teurer Julius! Verzeih,
dass ich Dir gestern nicht geschrieben habe, allein der grosse
Kampf in meinem Herzen musste erst entschieden sein. Doch nun
gelob ich Dir, Dich niemals zu verlassen. Ich willge nicht in
meines Vaters strenge Forderung, und kann kein Flehen sein sonst
so edles Herz erweichen, so mag geschehen, was wir beschlossen
haben."--Amalie mein! oh, koennt ich doch die Welt umarmen! He
du! (Der Diener kommt.) Ruf mir den Bettler dort zurueck, der
eben sich in jene Laube setzt. (Zeigt in die Kulisse.)
Diener. Ich sehe keinen Bettler, gnaedger Herr!
Flottwell. Bist du denn blind! Geh fort! (Bedienter ab. Ruft.)
He Alter, komm!
Bettler. Was befehlen Sie, mein gnaediger Herr!
Flottwell. Ich habe eine frohe Botschaft hier erhalten, und
Flottwell kann sich nicht allein erfreun. Verzeih, ich habe
dich zu karg behandelt. Nimm diesen Beutel hier, auch diesen
noch. (Wirft sie ihm in den Hut.) Nimm alles, was ich bei mir
habe. Was ich verschenken kann, hat eines Sandkorns Wert gen
den unendlichen Gewinn, der mir durch diesen Brief geworden
ist. (Nach dem Garten ab.)
Bettler (allein). O Mitleid in des Menschen Brust! Wie bist
du oft so kraenkelnder Natur, als haette dich ein weinend Kind
gezeugt. Begeistrung ists, die alles Edle schnell gebiert, sie
hat mit des Verschwenders Gold des Bettlers Hut gefuellt.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt
Dumont, elegant gekleidet, kommt aus dem Schloss.
Dumont. Ach, wie sein ick doch vergnuegt! Ein ganzer Jahr hab
ich der Gegend nicht gesehen. Die Nacht war mir zu lang. Ich
hatte fuenfzig Dukaten auf eine Karte gesetzt, hatt sie gewonnen,
da schlug der Nachtigall, ich lief davon, der Geld blieb stehn
und war perdu. Doch was sein Dukatenglanz gegen Morgenrot!
Praechtiger Tag! Die Natur legen heut aller ihrer Reize zur
Schau. (Blickt durch die Lorgnette in die Szene.) Da kommt
ein altes Weib!
Fuenfter Auftritt
Voriger. Ein altes zahnloses Muetterchen, zerrissen gekleidet,
auf dem Ruecken einen grossen Buendel Reisig.
Dumont. Bon jour, Madame! Wo tragen du hin das Holzen?
Weib. Nach Haus. Gleich ins Gebirg, nach Blunzendorf.
Dumont. Blonsendorf? O schoener Nam! Du wohnen wohl sehr gerne
im Gebirge?
Weib. Ah ja, 's Gebirge waer schon schoen. Wenn nur die Berg
nicht waeren! Man steigt s' so hart.
Dumont. Das sind der Figuren, die der Landschaft beleben. O,
mir gefallen das Weib sehr.
Weib (beiseite). Ich gfall ihm, sagt er. Ja, einmal haett ich
ihm schon besser gfallen.
Dumont. Sie sein so malerisch verlumpt. Ich kann sie nicht
genug betrachten. (Er sieht durch die einfache Lorgnette und
drueckt das linke Auge zu.)
Weib. Er hat im Ernst ein Aug auf mich; aber 's andre druckt
er zu.
Dumont. Du seien wohl verheiratet?
Weib. Schon ueber dreissig Jahr.
Dumont. Und bekuemmern sich dein Mann doch noch um dich?
Weib. Ah ja. Er schlagt mich fleissig noch.
Dumont. Er slagen dich? O! Das sein nick schoen von ihm.
Weib. Ah, es is schon schoen von ihm. Das ist halt im Gebirg
bei uns der Brauch. Ein schlechter Haushalt, wo s' nicht
raufen tun.
Dumont. Unschuldige Freuden der Natur. Von dieser Seit muss
sich das Bild noch schoener machen. Stell dich dort hin. Ich
will dich gans von ferne sehen.
Weib. Hoeren S' auf! Was sehen S' denn jetzt an mir? Haetten S'
mich vor vierzig Jahren angschaut. Jetzt bin ich schon ein
altes Weib.
Dumont. Das machen deiner Schoenheit eben aus. Du sein
vortrefflich alt. Au contraire, du sollen noch mehr Falten
haben.
Weib. Warum nicht gar. Mein Mann sein die schon zu viel.
Dumont. Du sein wahrhaft aus der niederlaendischen Schule.
Weib. Ah beleib. Ich bin ja gar nie in die Schul gegangen.
Dumont. Ick hab einer ganzer Sammlung solcher alter Weiber zu
Haus.
Weib. Jetzt ists recht. Der sammelt sich die alten Weiber, und
die andern waeren froh, wenn sie s' losbringeten.
Dumont (nimmt einen runden kleinen schwarzen Spiegel aus der
Tasche, dreht sich um und laesst die Gegend abspiegeln). O quel
contraste! Das Schloss! Der Wald! Der Weib! Der Ochsen auf der
Flur! O Natur, Natur! Du sein gross ohne Ende.
Weib. Der Mensch muss narrisch sein. Jetzt schaut er sich in
Spiegel und sieht Ochsen drin.
Dumont. Hier hast du einen Dukaten. Jetzt hab ich dich genug
gesehen. (Gibt ihr ein Goldstueck.)
Weib (rasend erfreut). Ah Spektakel! Ah Spektakel! jetzt
schenkt er mir gar ein Dukaten. Euer Gnaden, das ist ja z'viel,
ich trau mir ihn gar nicht zu nehmen. Fuer was denn? sagen S'
mirs nur.
Dumont. Dein Anblick hat mir sehr viel Vergnuegen verschafft.
Weib. Nein, das haett ich meinen Leben nicht geglaubt, dass ich
mich in meinen alten Tagen sollt noch ums Geld sehn lassen. Ich
dank vieltausendmal. (Kuesst ihm die Hand.) Euer Gnaden verzeihen
S'--Ich bitt Ihnen--hab ich Ihnen denn wirklich gfallen?
Dumont (muss lachen). O, du gefallen mir ausserordentlich.
Weib (verschaemt). Hoeren S' auf. Sie konnten ein altes Weib
voellig verruckt machen. Nein, wenn das mein Mann erfahrt, der
erschlagt mich heut aus lauter Freud. Ich sags halt. Wenn man
einmal recht schoen war und man wird noch so alt, es bleibt doch
allweil noch a bissel was uebrig. (Trippelt ab.)
Dumont (sieht ihr nach). Ha! wie sie schwankt. Wie ein alter
Schwan! Ich sein so aufgeregt, dass mir jeder Gegenstand gefallen.
Sechster Auftritt
Voriger. Rosa will mit einem Kaffeegeschirr nach dem Garten.
Dumont. Ah ma belle Rosa!
Rosa. Guten Morgen, Herr Chevalier!
Dumont (haelt sie auf). O, Sie kommen nicht so schnell von mich.
Der Alt sein charmant, aber der jung gefallen mir doch noch
besser. Das sein Malerei fuer der Aug, das sein Malerei fuer der
Herz.
Rosa. Herr Chevalier, ich hab kein Zeit, der gnaedige Herr
wuenscht noch Kaffee zu trinken.
Dumont. Ah! Schoene Ros'! (Umfasst sie zaertlich.)
Rosa (windet sich los). Ah was generos. Was hab ich von Ihrer
Generositaet. Ich muss in Garten hinaus.
Dumont. O, Sie duerfen nicht. Ich sein zu enchante. Dieser
Wangen! Dieser Augen! Dieser Augenblicken! O Natur, was haben
du da geschaffen, ich kann mick nicht enthalten. Ich mussen
Sie embrasser.
Rosa. Herr Chevalier, lassen Sie mich los, oder ich schrei.
Dumont. Ich will den Mond versiegeln. (Will sie kuessen, sie
schreit und laesst das Kaffeegeschirr fallen.)
Siebenter Auftritt
Vorige. Flottwell und Wolf aus dem Garten.
Flottwell. He, he, Herr Chevalier! Was machen Sie denn da?
Dumont. Ich bewundre der Natur!
Flottwell. Bravo! Sie dehnen Ihre Liebe zur Natur auf die
hoechsten und auf die gemeinsten Gegenstaende aus.
Wolf. Schoen oder haesslich, das gilt dem Herrn Chevalier ganz
gleich.
Dumont. Was sagen Sie da von Haesslichkeit! Der Natur sein der
hoechster Poesie, und wahre Poesie kann nie gemein noch haesslich
sein. Ich wollen mich fuer ihrer Schoenheit schlagen, und schlagen
lassen; und fallen ick, so schreib der Welt mir auf mein Grab:
Es schlafen unter diesem Stein
Chevalier Dumont hier ganz allein,
Er haben nur gemacht der Cour
Auf Erd der himmlischen Natur.
Nun seien tot. Welch gluecklick Los!
Er ruhn in der Geliebten Schoss
Und wird, kehrt er im Himmel ein,
Naturellement willkommen sein.
(Geht stolz ab ins Schloss.)
Rosa (lest das Geschirr zusammen). Abscheulich! Allen
Zudringlichkeiten ist man ausgesetzt in diesem Haus.
Flottwell. Weich Sie den Gaesten aus, wenn sie Champagner
getrunken haben. Ich bin sehr unzufrieden mit Ihr, Herr Wolf
hat sich auch beklagt, dass Sie sehr unartig mit ihm ist und
ohne Achtung von mir spricht.
Rosa. Der gnaedige Herr Kammerdiener? Ah, jetzt muss ich reden--
Wolf (fein). Das soll Sie nicht, mein Kind, Sie soll nur Ihren
Dienst versehen.
Rosa. Ich stehe bei dem gnaedgen Herrn in Diensten und nicht bei
gewissen Leuten.
Wolf. Schweig Sie nur--
Rosa. Nein, nichts will ich verschweigen. Alles muss heraus.
Wolf. Welche Bosheit!
Flottwell. Still! die Sache wird zu ernsthaft.
Rosa. Wissen Euer Gnaden, was der Kammerdiener gesagt hat?
Flottwell. Was hat er gesagt?
Rosa. Er hat gesagt--
(Valentin schnell.)
Valentin. Der Juwelier ist da.
Flottwell. Ah bravo! Nur geschwinde auf mein Zimmer.
(Geht schnell ab.)
(Der Juwelier tritt von der Seite ein, und)
Wolf (fuehrt ihn ins Schloss, vorher sagt er zu Rosa). Wir
sprechen uns, Mamsell. (Ab.)
Rosa (steht wie versteinert). Da steh ich jetzt!
Valentin. Da steht sie jetzt.
Rosa. An wem soll ich nun meinen Zorn auslassen?
Valentin. Wart, ich besorg dir wem. (Will fort.)
Rosa. Du bleibst! An dir will ich mich raechen, du
verhaengnisvoller Mensch. (Geht auf ihn los.)
Valentin. An mir? Das ging' mir ab. Ich hab ja gar nichts
gesagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Still sei! oder--(Reibt auf und will ihm eine Ohrfeige
geben, wird aber ploetzlich schwach.) Weh mir! mich trifft der
Schlag.
Valentin. Das ist ein Glueck, sonst haett er mich getroffen.
Rosa (springt). Der Juwelier soll hingehn, wo der Pfeffer
waechst.
Valentin. Das kannst ihm selber sagen. Ich weiss nicht, wo er
waechst.
Rosa. Schweig! ich weiss mich nicht zu fassen.
Valentin. Nu schimpf nur zu, der Juwelier wird dich schon fassen.
Rosa. Gleich geh mir aus den Augen (tut, als wollt sie ihm
die Augen auskratzen), du bist an allem schuld!
Valentin. Ich hab ja gar nichts gsagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Das ist ja dein Verbrechen eben. Du haettest gar nichts
sagen sollen, wenn du siehst, dass meine Tugend auf dem Punkt
steht, ihre Rechte zu verteidigen. (Ab.)
Valentin. Das ist schrecklich. Da darf ja eine noch so viele
Untugenden haben, so kann man nicht soviel Verdruss haben als
wegen derer ihrer unglueckseligen Tugend. Und ich weiss mich gar
nichts schuldig. Ich muss nur grad das Gesetzbuch aufschlagen
lassen, um zu erfahren, was denn das fuer ein Verbrechen ist:
Wenn einer sagt, der Juwelier ist da! (Ab.)
Achter Auftritt
Verwandlung
Kurzes Kabinett Flottwells. Durch die Fenster sieht man in
eine Kolonnade und durch diese ins Freie.
Flottwell und der Juwelier treten ein.
Flottwell (sehr froehlich.). Wo haben Sie den Schmuck? Geben Sie!
Ich freue mich schon wie ein Kind! Wie wird sich erst Amalie
freuen!
Juwelier. Hier ist er!
Flottwell (besieht ihn und wird ernst). Mein Gott, was haben
Sie denn gemacht?
Juwelier. Wieso?
Flottwell. So kann ich ihn nicht brauchen!
Juwelier. Er ist nach Ihrer Angabe, gnaedger Herr!
Flottwell (wird immer heftiger). Nein, nein! das ist er nicht!
Juwelier. Ganz nach der Zeichnung, ich versichere Sie!
Flottwell. Nein, nein, nein, nein. (Missmutig.) Er ist zu
altmodisch, auch sind es nicht die Steine, die ich ausgewaehlt.
Juwelier. Herr von Flottwell! das betrifft ja meine Ehre.
Flottwell. Die meine auch, ich kann den Schmuck nicht brauchen.
Juwelier. Ich nehm ihn nicht zurueck.
Flottwell. Das muessen Sie.
Juwelier. Ich will ihn aendern.
Flottwell. Zu spaet. Er ist ja ein Geschenk zum heutgen Fest.
Sie haben meine schoenste Freude mir gemordet durch Ihre
Ungeschicklichkeit.
Juwelier (etwas beleidigt). Herr von Flottwell--(Fasst sich)
Ich versichere Sie, es ist nur eine Grille.
Flottwell. Versichern Sie mich nicht, der Schmuck ist schlecht.
Juwelier. Betrachten Sie ihn nur.
Flottwell. Nein, er ist mir so zuwider, dass ich ihn zum Fenster
hinauswerfen koennte.
Juwelier. Das werden Sie wohl bleibenlassen, denk ich!
Flottwell. Das werd ich nicht. Da liegt er! (Schleudert ihn zum
Fenster hinaus.)
Juwelier (erschrocken). Ums Himmels willen! der Schmuck betraegt
zweitausend Taler!
Flottwell (stolz). Ist Ihnen bange? Lumpengeld! Sie sollen es
erhalten! Warten Sie! (Er eilt ins Kabinett.)
Juwelier. Das ist ein Wahnsinn, der mir noch nicht vorgekommen
ist. Ich hol den Schmuck herein! (Laeuft ab.)
(Man sieht den Bettler vor dem Fenster, welcher den Schmuck
aufgehoben hat, ihn gen Himmel haelt und singt.)
Bettler.
Habt Dank, habt Dank, ihr guten Leute,
Dass ihr so reichlich mich beschenkt,
Mein Herz ist ja des Kummers Beute,
Durch eigne Schuld bin ich gekraenkt.
(Er entfernt sich durch die Saeulen und wiederholt noch die
letzten Worte in der Ferne.)
Juwelier (kommt bestuerzt zurueck). Der Schmuck ist fort, ich
find ihn nicht.
(Flottwell aus dem Kabinett. Er hat sich Besinnung geholt,
und sein Betragen zeigt, dass er seine Heftigkeit bereut und
sich ihrer schaemt. Er traegt zwei Rollen Gold.)
Flottwell (edel freundlich). Hier haben Sie Ihr Geld, mein Herr!
Juwelier (artig). Herr von Flottwell, ich bedaure sehr--
Flottwell. Bedauern Sie nichts--An mir ist das Bedauern meiner
unverzeihlichen Heftigkeit. Mein Blut spielt mir manch tollen
Streich. Ich muss zur Ader lassen naechster Tage.
Juwelier. Ein guetig Wort macht alles wieder gut.
Flottwell (drueckt ihm gutmuetig die Hand). Nicht wahr, Sie nehmen
es nicht uebel, lieber Freund--und Sie vergessen es--Sie sprechen
auch nie mehr davon? Ich wuenschte nicht, dass Sie es irgendwo
erzaehlen moechten.
Juwelier. Ich geb mein Ehrenwort--
Flottwell. Ja, ja, ich weiss, ich kann mich ganz auf Sie verlassen.
Auch werd ich Ihre Kunst gewiss sehr bald in Anspruch wieder
nehmen. Gewiss, gewiss, ich werde bald etwas bestellen lassen.
Sehr bald. Und nun Adieu, mein Freund, und keinen Groll.
Juwelier (mit einer tiefen Verbeugung). Wie koennt ich das, ich
bin so tief geruehrt. (Im Abgehen.) Wenn er doch nur bald wieder
etwas machen liesse! (Ab.)
Flottwell (allein). Ein sturmbewegter Tag! Waer er doch schon
vorueber. (Wirft sich vor sich hinstarrend in einen Stuhl.)
(In der Ferne klingen die letzten Verse von des Bettlers Gesang.)
Bettler.
Mein Herz ist stets des Kummers Beute,
Durch eigne Schuld bin ich gekraenkt.
Flottwell (springt auf). Welch Gesang--
(Wolf tritt ein.)
Wolf. Ach liebster gnaedger Herr! Wie hat der Juwelier doch
seine Sache schlecht gemacht, ich hab ihn eben ausgezankt.
Doch stellen Sie sich vor, der Schmuck ist weg, und niemand
will ihn aufgehoben haben.
Flottwell. Das waere mir sehr unlieb--denn er kostet viel.
Wolf. Er muss sich finden, ich sah ihn aus dem Fenster fliegen.
Niemanden gewahrt ich in der Naehe als das Kammermaedchen Rosa.
Ich eilt sogleich herab, da war sie fort, und als ich sie
befragte, wollt sie nichts gesehen haben.
Flottwell. Das kann ich doch nicht von ihr glauben.
Wolf. Man muss die Sache untersuchen lassen.
Flottwell. Nur heute nicht. Das macht zu grosses Aufsehen; und
dann wer weiss, ists wahr.
Wolf. Gewiss, ich hab es ja beinahe gesehen.
Flottwell. Wenn es wahr ist, muss sie fort, sonst wuensch ich
keine Strafe.
Wolf. Wie der Himmel doch die Menschen oft verlaesst! Es ist schon
alles zu dem Fest bereitet, die Gaeste sind im Gartensaal
versammelt. Ich habe die schoene Aussicht nach dem Tal mit
Traperien verhaengen lassen. Wir wollen warten, bis die Sonne
untergeht, und wenn sie ploetzlich schwinden, wird es einen
imposanten Anblick geben.
Flottwell. Sind die Taenzer schon bereitet?
Wolf. Ja. Der Herr Praesident ist auch schon hier.
Flottwell. Amalie hier! Was sagst du das erst jetzt?
Wolf. Ich habe sie in das blaue Zimmer gefuehrt, der Baron ist
aber nach dem Garten gegangen.
Flottwell (auffahrend). Der Baron? Schaendlich, dass ich meinen
Nebenbuhler noch zu Gaste bitten muss. Was soll ich nun Amalien
verehren, der Schmuck ist fort.
Wolf. Schenken Sie ihr die kostbare Vase, die Sie erst gekauft
haben, das ist doch ein Geschenk, das eines Millionaers wuerdig ist.
Flottwell. Sie ist von grossem Wert, doch eben recht, der
Praesident ist ein Freund der Kuenste. Vielleicht gewinnt ihn
das.
Wolf (fuer sich). Da irrst du dich.
Flottwell. Lass sie mit Blumen schmuecken, kurz, besorge alles.
Ich muss zu ihr, zu ihr.--
(Beide ab.)
Neunter Auftritt
Verwandlung
in ein nobles Gemach.
Der Praesident von Klugheim und Amalie.
Klugheim. Beruhige dich doch, meine Tochter, und lass mich nicht
bereuen, dass ich so schwach war, deinen Bitten nachzugeben.
Amalie (ihren Schmerz bekaempfend). Ja, mein Vater, ich will ruhig
sein.
Klugheim. Nun seh ich erst, du hast mich durch erzwungne
Froehlichkeit getaeuscht. Du solltest ihn nicht wiedersehen.
Amalie. Im Gegenteil, mein Vater, es wird auf lange Zeit mich
staerken, meine Leiden zu ertragen.
Klugheim. Vergiss nicht, dass wir in Gesellschaft sind und dass
dich der Baron mehr als sein Leben liebt.
Zehnter Auftritt
Vorige. Flottwell.
Flottwell (mit Herzlichkeit). Mein verehrungswuerdiger Herr
Praesident! Die hoechste Gunst, die ich vom Glueck erlangen
konnte, ist die Ehre, Sie auf meinem Schlosse zu begruessen.
Mein holdes Fraeulein! Flottwell wird es nie vergessen, dass
Ihr edles Herz es nicht verschmaehte, seines kleinen Festes
Koenigin zu sein.
Amalie (sich verbeugend). Herr von Flottwell--
Klugheim. Genug der Zeremonie. Es kommt der Freund zum Freunde.
Flottwell. Ist das wirklich so, Herr Praesident?
Klugheim. Zweifeln Sie daran? Dann waer es nur zur Haelfte so.
Flottwell. Ach, wie sehnlich wuenscht ich, dass es ganz so waere!
Dass ich Sie--
Klugheim (fein). Herr von Flottwell, jeder Ausfall auf fruehere
Verhaeltnisse ist gegen die Bedingung, unter welcher ich Ihre
heutige Einladung angenommen habe.
Amalie. Bester Vater, lassen Sie sich doch erweichen! Wenn
Ihnen das Leben Ihres Kindes etwas gilt.
Klugheim. Was soll das sein? Ist ein Komplott gegen mich im
Werke? hat man mich hieher geladen, um eine Sache zu erneuern,
die ich fuer beendet hielt?
Flottwell. Sie irren sich, Herr Praesident. Ihr Fraeulein Tochter--
Klugheim. Ist eine Schwaermerin. Ihres Lebens Glueck ist mir von
Gott vertraut, und niemand kann es mir verargen, wenn ich sie
nicht in ihres Ungluecks Arme fuehre.
Flottwell. Herr Praesident, Sie verkennen mich zu sehr.
Klugheim. Ich sehe klar, was Ihnen erst die Zukunft einst
enthuellen wird.
Flottwell. Ich bin verleumdet.
Klugheim. Durch niemand--
(Flitterstein oeffnet die Tuer.)
Flottwell. Durch den hinterlistigen Baron Flitterstein--
Baron Flitterstein (mit Erstaunen, ohne den Anstand zu
verletzen). Ist hier von mir die Rede?
Flottwell (frappiert). Nein--
Flitterstein (fasst sich und laechelt fein). Ah so. Also von
einem Verwandten von mir. Das wollte ich als Edelmann nur
wissen.
Flottwell (verlegen). Herr Baron! Ich bin erfreut--
Flitterstein (schnell). Ich verstehe. Meine Freundschaft zu
dem Herrn Praesidenten--
Flottwell. Ist die Ursache, dass Sie mir die Ehre Ihres Besuches
schenken. Ich bin von allem unterrichtet. (Nach einer Pause,
durch welche sich die Verlegenheit aller ankuendigt.) Ist es
nun gefaellig, sich zur Gesellschaft zu begeben?
Flitterstein. Nach Belieben.
Flottwell (reicht Amalien den Arm). Mein Fraeulein!
(Fuehrt sie fort.)
(Flitterstein folgt.)
Klugheim. Ich fuerchte, wir haben den Frohsinn gerufen und dem
Missmut unsre Tore geoeffnet. (Ab.)
Elfter Auftritt
Verwandlung
Herrlich mit Gold und Blumen geschmueckter Gartensaal. Die
Hinterwand geschmackvoll traperiert.
Alle Gaeste sind versammelt. Nobel gekleidete Herren und Damen.
Dumont. Walter.
Waehrend des Chores treten der Praesident, Flitterstein, Flottwell
und Amalie ein und setzen sich. Wolf.
Chor.
Froh entzueckte Gaeste wallen
Durch die reich geschmueckten Hallen.
Will sich Lust mit Glanz vermaehlen,
Muss sie Flottwells Schloss sich waehlen.
Nur in seinen Saelen prangt,
Was das trunkne Herz verlangt.
(Taenzer und Taenzerinnen im spanischen Kostuem fuehren einen
reizenden Tanz aus, und am Ende bildet sich eine imposante
Gruppe, bei welcher Kinder in demselben Kostueme die Vase,
mit Blumen geschmueckt, auf ein rundes Postament in die Mitte
des Theaters stellen.)
Flottwell (fuer sich). Was hat doch Wolf gemacht, jetzt sollte
sie sie nicht erhalten.
Klugheim. Sehen Sie doch, Baron, hier die beruehmte Vase, welche
ein Franzose dem Minister um zwanzigtausend Frank anbot.
Flitterstein. Wahrhaftig, ja, sie ist es.
Mehrere Gaeste (betrachten sie). Wirklich schoen!
Walter. Sehn Sie doch hier, Chevalier, die Vase aus Paris.
Dumont (in einem Stuhl hingeworfen, ohne hinzusehen). O charmant!
Sie sein ganz ausserordentlick.
Walter. Sie haben sie ja gar nicht angesehen.
Dumont. Ick brauchen sie gar nick zu sehen, ick brauchen nur
zu hoeren de Paris, kann gar nick anders sein als magnific.
Flitterstein. Fuerwahr, Sie sind um dieses Kunstwerk zu beneiden,
Herr von Flottwell.
Flottwell (fuer sich). Nun kann ich nicht zurueck. (Laut.) Es ist
nicht mehr mein Eigentum. Ein unbedeutendes Geschenk, das ich
der Koenigin des Festes weihe.
Amalie (erfreut). Ach Vater! wie erfreut mich das.
Klugheim (strenge). Nicht doch, mein Kind! Verzeihen Sie, Herr
von Flottwell, das geb ich nicht zu. Das Geschenk hier ist
durchaus zu kostbar, um es anzunehmen.
Flitterstein. Ja, ja, es ist zu kostbar.
Flottwell. Das ist es nicht, mein Herr Baron. Die Welt erfreut
sich keines Edelsteines, der zu kostbar waere, ihn diesem
Fraeulein zum Geschenk zu bieten.
Klugheim. Auch weiss ich nicht, wie wir zu solcher Ehre kommen.
Flitterstein (halblaut). Die mehr beleidigend als--
Flottwell (faengt es auf). Beleidigend?
Flitterstein. Ich nehm es nicht zurueck!
Flottwell (verbissen). Wie koemmt es denn, mein Herr Baron,
dass Sie das Wort so eifrig fuer des Fraeuleins Ehre fuehren?
Klugheim. Er spricht im Namen seiner kuenftgen Braut.
Einige Gaeste. Da gratulieren wir!
Flottwell (vernichtet). Dann hab ich nichts mehr zu erwidern!
Klugheim. Nehmen Sie die Vase hier zurueck, so beschenkt ein
Fuerst, kein Edelmann.
Flottwell (stolz). Ich beschenke so! ich bin der Koenig meines
Eigentums. Dieses Kunstwerk hatte seinen hoechsten Wert von dem
Gedanken nur geborgt, dass diese schoene Hand es einst als ein
erfreuend Eigentum beruehren werde, es soll nicht sein! Ich
acht es nicht. Wolf! (Wolf tritt vor) nimm sie hin! Ich
schenke diese Vase meinem Kammerdiener.
(Wolf macht eine halbe verlegene Verbeugung. Die Vase wird
weggebracht.)
Flitterstein. Welch ein Tollsinn!
Klugheim. Unbegreiflich!
Dumont. Der Mann sein gans verrueckt.
Amalie. Wie kann er sich nur so vergessen!
Die Gaeste (klatschen). Bravo! so raecht sich ein Millionaer!
Flottwell. Dies soll unsere Freude nicht verderben. Da
Frankreichs Kunst so schlechten Sieg errungen, will ich vor
Ihrem Auge nun ein deutsches Bild entrollen, dessen Schoenheit
Sie gewiss nicht streitig machen werden. Sie sollen sehen, was
ich fuer eine vortreffliche Aussicht habe. (Klatscht in die
Hand.)
(Musik.--Der Vorhang schwindet, und ueber die ganze Breite des
Theaters zeigt sich eine grosse breite Oeffnung, durch deren
Rahmen man eine herrliche Gegend perspektivisch gemalt erblickt.
Ein liebliches Tal, hie und da mit Doerfern besaeet, von einem
Fluss durchstroemt und in der Ferne von blauen Bergen begrenzt,
erstrahlt im Abendrot. Die Basis des Rahmens bildet eine
niedre Balustrade. Im Vordergrunde links von dem Zuschauer
sitzt wie eine geheimnisvolle Erscheinung unter dunklem
Gestraeuch, von der untergehenden Sonne beleuchtet, der Bettler
mit unbedecktem Haupte und gegen Himmel gewandtem Blick in
malerischer Stellung. So dass das Ganze ein ergreifendes Bild
bietet.)
Flottwell (ohne genau hinzusehen). Gibt es eine schoenere
Aussicht? (Er erschrickt, als er den Bettler sieht.) Ha!
welch ein Bild. Ein sonderbarer Zufall! (Diese Worte spricht
Flottwell schon unter der leise beginnenden Musik.)
Chor von Gaesten (fuer welche saemtlich der Bettler nicht sichtbar
ist).
Oh, seht doch dieses schoene Tal,
Wo prangt die Erd durch hoehern Reiz?
Dem Kenner bleibt hier keine Wahl,
Der Anblick uebertrifft die Schweiz.
Bettler.
Nicht Sternenglanz, nicht Sonnenschein
Kann eines Bettlers Aug erfreun.
Der Reichtum ist ein treulos Gut,
Das Glueck flieht vor dem Uebermut.
Flottwell (welcher immer nach dem Bilde hingestarrt hat, zu
Wolf). Jagt doch den Bettler fort, warum lasst ihr ihn hier so
nah beim Schloss verweilen?
(Der Bettler steht auf und geht an der Seite, wo er sitzt, ueber
den Huegel durch das niedere Gestraeuche in die Szene.)
Wolf. Welch einen Bettler? Wir bemerken keinen.
Flottwell. Da geht er hin! (Starrt ihm nach.)
Wolf. Er spricht verwirrt.
(Amalie wird unwohl.)
Klugheim. Gott im Himmel! meine Tochter.
Flottwell. Amalie? Was ist ihr?
(Alle Gaeste in Bewegung.)
Klugheim. Sie erbleicht!
Flottwell (stuerzt zu ihren Fuessen). Amalie, teures Maedchen!
hoere deines Julius Stimme.
Flitterstein (schleudert ihn entruestet von ihr). Zurueck,
Verfuehrer! nun entlarvst du dich!
Flottwell (ergreift ergrimmt seine Hand). Genugtuung, mein
Herr! Das geht zu weit.
Flitterstein. Ists gefaellig? (Zeigt nach dem Garten.)
Flottwell. Folgen Sie!
(Beide links ab.)
Mehrere Gaeste. Haltet! (Eilen nach.)
Klugheim. Holt den Arzt!
(Bediente fort.)
Wolf. Ins Kabinett!
Mehrere. So endet dieses Fest.
(Die andere Haelfte gehen mit Klugheim und Wolf, welche Amalie
nach dem Kabinett rechts fuehren, ab. Nur)
Dumont (welcher sich waehrend der Verwirrung an das Fenster
begeben hat und durch das Gewuehl der Gaeste verdeckt war,
bleibt zurueck, er hat sich in der Mitte des Fensters in
einen Stuhl geworfen, springt, wenn alles weg ist, auf,
lehnt sich auf die Fensterbruestung, sieht durch die Lorgnette
und ruft begeistert). Goettliche Natur!
Zwoelfter Auftritt
Kurzes Kabinett faellt vor.
Valentin und Rosa.
Valentin. So lass mich aus, ich muss ja sehen, was geschehen
ist. Alles lauft davon, und die Fraeulein Amalie, sagen s',
ist umgefallen wie ein Stueckel Holz. Sie hat Konfusionen kriegt.
Rosa. Da bleibst. Mein Schicksal ists, um das du dich zu
kuemmern hast. (Weint bitterlich.) Ich bin die gekraenkteste
Person in diesem Haus.
Valentin. Was haben sie dir denn schon wieder getan?
Rosa. Aber nur Geduld! Morgen geh ich zu Gericht. Alles wird
arretiert. Der gnaedge Herr, der Kammerdiener. Alle Gaest, das
ganze Schloss und du.
Valentin. Mich laesst s' nicht aus. Was hats denn gegeben?
Rosa. Ohrfeigen haetts bald gegeben.
Valentin. Ah, da bin ich froh, dass ich nicht dabei war.
Rosa. Der Kammerdiener hat mir Ohrfeigen angetragen. Hat mich
eine Diebin geheissen, hat einen Schmuck von mir verlangt. Uns
im Namen des gnaedgen Herrn den Dienst aufgekuendigt und hat mich
wollen durch die Bedienten hinauswerfen lassen.
Valentin. Das ist ja eine ganze Weltgeschichte. Wann ist denn
das alles geschehen?
Rosa. Vor einer Viertelstund, wie sie die Vasen im Saal oben
geholt haben.
Valentin. Das ist schrecklich!
Rosa. Der Mensch glaubt ja, man hat seine Ehr und Reputation
gestohlen.
Valentin. Und den Schmuck auch dazu. Nein! das kann man nicht
so hingehn lassen.
Rosa. Du musst dich annehmen. Ich bin ein Weib. Ich bin zu
schwach.
Valentin. Auf alle Faell. Du bist zu schwach.
Rosa. Du bist ein Mann, dir ist die Kraft gegeben.
Valentin. Freilich, mir ist die Kraft gegeben, drum werd ich
mirs auch ueberlegen.
Rosa. Ich geh noch heut, und morgen klag ich.
Valentin. Und ich geh morgen, und klag heut noch! und wo? beim
gnaedgen Herrn, denn das ist eine Beschuldigung, die man nicht
auf sich sitzenlassen darf!
Rosa (weinend). Nicht wahr, du glaubst es nicht, dass ich die
Diamanten genommen hab?
Valentin. Nein! Du bist zu tugendhaft. Du gehst nur auf die
Augen los, nicht auf die Diamanten. Doch jetzt mach dich auf.
Rosa. Wir packen zusamm und gehen.
Valentin. Die Livree bleibt da, die gehoert dem Herrn. Mir
ghoert mein Tischlerrock, den ich mit hergebracht hab. Die
andere Bagage brauch ich nicht, ich bin mit dir allein zufrieden.
Rosa. Wir bringen uns schon fort.
Valentin. Ich geh zu meiner Tischlerei zurueck. Aber vorher will
ich mein Meisterstueck noch machen.
Rosa. Was wirst denn tun?
Valentin. Den Kammerdiener werd ich in die Arbeit nehmen. Ah,
der ist zu ungehobelt. Ueber den muss ein Tischler kommen.
Rosa. Nimm dich zusamm.
Valentin. Oh, du kennst mich nicht, ich bin der beste Mensch,
aber wenn es sich um Ehr und Reputation handelt, so kann ich in
eine Wut kommen wie der rollende Rasand. Ich will dem
Kammerdiener zeigen--(Der Kellermeister eilt ueber die Buehne.)
He! Herr Kellermeister, wo gehn Sie hin?
Kellermeister. Mir ist am grossen Fass ein Reif abgesprungen,
ich muss den Wein abziehen.
Valentin. Ha! Das ist ein Wink des Schicksals. Mann! Ich folge dir.
(Geht tragisch mit dem Kellermeister ab.)
Rosa (allein). Ah Spektakel! jetzt muss sich der ein Spitzel
antrinken, wenn er eine Courage kriegen will. Nein, was das fuer
miserable Mannsbilder sein bei der jetzigen Zeit, das ist
nimmermehr zum Aushalten. (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Verwandlung
Ein anderes Kabinett.
Amalie. Der Arzt. Praesident Klugheim.
Arzt. Fuehlen Sie sich leichter, Fraeulein?
Klugheim. Wie ist dir, liebes Kind?
Amalie. Ganz wohl, mein Vater! es ist schon vorueber.
Klugheim. Ein Unstern hat uns in dies Haus gefuehrt.
Vierzehnter Auftritt
Vorige. Betti.
Betti. Zu Huelfe! Ach Herr Doktor, der Baron ist schwer verwundet.
Man suchet Sie!
Klugheim. Heilger Gott, mein Freund! Bleib Sie bei meiner
Tochter hier! Kommen Sie, Herr Doktor! Ach, ich bin an allem
schuld.
(Eilt mit dem Doktor ab.)
Amalie. Was ist vorgegangen?
Betti. Sie haben duelliert! der gnaedge Herr und der Baron.
Amalie. Ist Julius auch verwundet?
(Flottwell tritt aus einer Tapetentuer. Er ist bleich und spricht
halblaut und schnell.)
Flottwell. Nein, er ist es nicht. (Zu Betti.) Geh auf die Lauer!
(Betti geht vor die Tuer.)
Amalie. Gott, wie siehst du aus!
Flottwell. Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt. Doch noch
ist nicht mein Glueck von mir gewichen, weil ich dich nur
sprechen kann. Jede Minute droht. Du musst mit mir noch diese
Nacht entfliehn.
Amalie. Unmoeglich, nein! ich kann den Vater nicht verlassen.
Flottwell. Du hasts geschworen. Denk an deinen Eid.
Amalie. Doch heute, und so ploetzlich--
Flottwell. Heute oder nie! Schon lang ist deine Dienerschaft
von mir gewonnen. Nimm Laura mit und nichts von deinem Eigentum.
Dein Vater ist erschoepft, er wird sich bald zur Ruhe legen,
und wenn auch nicht, verbotne Liebe ist erfinderisch. Ich harr
auf dich, nah an der Stadt, bei der verfallenen Kapelle, wo wir
uns oft getroffen haben.
Amalie. Wird sich mein Vater je versoehnen?
Flottwell. Er wirds. Das weite Meer, das seiner Rache trotzt,
wird seinem Stolz gebieten. Entschliesse dich.
Amalie. Oh, koennt ich leben ohne dich--
Flottwell. Wenn dus nicht kannst, so sind wir ja schon einig.
Amalie. Und doch--
Flottwell. Ja! oder Nein! Nein! ist ein Dolch, den du ins Herz
mir drueckst. Ja! eine Sonn, die uns nach England leuchtet.
Amalie. Nur eine Frage noch!
(Betti schnell.)
Betti. Der Praesident!
Flottwell. Sprich schnell!
Amalie. Erwarte mich.
Fuenfzehnter Auftritt
Praesident Klugheim. Vorige.
Klugheim (empoert, strenge). Was wollen Sie bei meiner Tochter
hier?
Flottwell. Ich war besorgt.
Klugheim (nimmt Amalie auf die linke Seite. Kummervoll). Sie
sind zu guetig gegen mein Haus. Komm, meine Tochter, der Wagen
wartet, dann geleit ich den Baron. Mein Herr! Sie haben uns
zu einem Fest geladen, (mit Wehmut) und wir danken Ihnen mit
gebrochenem Herzen fuer die grossen Freuden, die Sie uns bereitet
haben. (Fuehrt seine Tochter ab.)
(Betti folgt.)
Flottwell (allein). O Starrsinn eines alten Mannes! Was rufst
du doch fuer Unglueck auf so vieler Menschen Haupt. (Wolf tritt
ein.) Ha Wolf! Gut, dass du kommst. Der Augenblick ist da, wo
du mirs danken kannst, dass ich dir mehr ein Freund als Herr
gewesen bin. Ich will in dieser Nacht noch mit Amalien nach
England fliehen. Es steht dir frei, ob du uns auf der Flucht
begleiten willst.
Wolf. O mein guetger Herr! Mein Wille ist an Ihren Wunsch
gekettet. Und wo Sie hinziehn, find ich meine Heimat.
Flottwell. Ich habe grosse Summen in der englischen Bank
liegen. Was ich von Gold und Kostbarkeiten retten kann, will
ich jetzt zu mir nehmen. Was ich in meinem Pulte zurueck noch
lasse, verteilst du unter meine Diener doch ohne etwas zu
verraten. Ich wuensche, dass sie einen Herrn finden moegen, der
es so gut mit ihnen meint als ich. Die beiden Schiffer an dem
See, die ich auf diesen Fall seit laengerer Zeit gedungen habe,
sollen sich bereit halten. In einer Stunde laengstens muss alles
geordnet sein. Dann erwart ich dich bei der alten Kapelle.
Dein Geschenk bring in Sicherheit, sein Wert ist dir bekannt.
Sei vorsichtig. Ich baue ganz auf deine Treue. (Ab.)
Sechzehnter Auftritt
Wolf.
Wolf (allein). Du schiffst nach England. Guenstgen Wind! Ich
bleibe hier und will mein Schifflein in den Hafen lenken. Wie
doch die Sonne auf und nieder geht! Wer ist nun zu beneiden?
Er? der stolze, der gepriesene Maezen, der seines Glueckes Reste,
mit zerfallenem Gemuet, dem ungetreuen Meer vertrauen muss? oder
ich, der sanfte, der bescheidene Kammerdiener, der sein still
erworbnes Schaefchen demuetig ins trockne bringen kann. Und wem
verdank ich diesen Sieg? (schlaegt sich an die Stirn) dir,
Klugheit! vielseitigste der Goettinnen! Die Natur hat mir nur
eine starke Gallenblase gegeben, die nicht zerplatzt ist bei
all dem Unsinn, den ich seit fuenf Jahren in diesem Haus hab
sehen muessen. Aber die Klugheit hat mich laecheln gelehrt. Oh,
es ist eine grosse Sache um das Laecheln! Wie viele Menschen
haben sich ihr Glueck erlaechelt, und ein Schwachkopf kann eine
Minute lang fuer einen vernuenftigen Mann gelten, wenn er mit
Anstand zu laecheln weiss. Darum will ich laecheln ueber die
Erbaermlichkeit, solang ich noch zu leben habe, und dann eine
laute Lache aufschlagen--auf welche Grabesstille folgt. (Ab.)
(Als er schon in der Kulisse ist, draengt ihn Valentin zurueck.
Er hat seinen Tischlerkaputrock an und einen wachsleinwandenen
Hut auf. Ein Parapluie und einen Spazierstock zusammengebunden
unter dem Arm und ein kleines Felleisen auf dem Ruecken, aus
dem Sack steht ihm das kurze Tabakrohr seiner eingesteckten
Pfeife. Er ist benebelt, ohne zu wanken oder zu lallen.)
Valentin. Halt! Barbar, wo willst du hin? Du kommst nicht von
der Stell. Wie kannst du dich unterstehen, meine Geliebte zu
verleumden? Was hat sie dir getan? Sie hat deine Liebesantraege
nicht angenommen, weil du ihr zu haesslich bist. Kann es eine
groessere Tugend geben? Sie ist meine Verlobte, und du hast
geglaubt, ich bin der Gfoppte! Sie soll einen Schmuck gestohlen
haben. Diese schmucklose Person? Pfui, schaeme dich!
Wolf. Jetzt hast du die hoechste Zeit, aus dem Hause zu gehen,
du Trunkenbold!
Valentin. Oh, ich hab Zeit genug! Ich hab eigentlich gar nichts
mehr zu tun auf dieser Welt, als Ihnen meine Meinung zu sagen.
Glauben Sie mir, Herr von Kammerdiener--ich will Ihnen nichts
Unangenehmes sagen, ich versichre Sie, Sie sind ein
niedertraechtiger Mensch. Sie haben zwei arme Dienstboten aus
dem Haus gebracht, die von ihrer Herrschaft treu und redlich
bedient worden sind. (Schluchzt.) Aber der Himmel wird Sie
dafuer bestrafen.
Siebzehnter Auftritt
Vorige. Rosa, auch zum Fortwandern geruestet, mit einigen
Baendeln, einem Sonnenschirm.
Rosa. Was tust denn, Valentin? So lass ihn gehn. Ich hab ja
ghoert, du bist betrunken?
Valentin. Wer hat dir das entdeckt? Ha! ich bin verraten.
Wolf. Jetzt packt euch! Beide.
Valentin. Sollen wir uns selber packen? Nein! wir packen ihn.
Rosa. Schaem dich doch!
Wolf. He Bediente! (Bediente kommen.) Jagt dieses Lumpenpack
hier aus dem Haus. Ich befehl es euch im Namen unsres gnaedigen
Herrn. (Geht ab.)
Valentin (geht auf einen Bedienten los, welcher mit dem
Kammerdiener Aehnlichkeit in der Kleidung haben muss). Was?
hinauswerfen willst du uns lassen? du schaendlicher Verraeter!
Rosa. Was treibst denn da?
Valentin. Lass mich gehn. Der Kammerdiener hier muss unter
meinen Haenden sterben.
Rosa. Es ist ja nicht der Kammerdiener!
Valentin. Nicht? das macht nichts. Es wird schon ein anderer
Spitzbub sein.
(Bediente lachen.)
Rosa (will ihn fortziehn). So geh doch nur!
Valentin. Er soll sich nicht fuer den Kammerdiener ausgeben.
Dieser Mensch, der in die Kammer gar nicht hinein darf.
Bediente. Jetzt fort! wir haben mehr zu tun.
Chor. Fort, nur fort! Packt euch hinaus!
Ihr gehoert nicht in dies Haus.
Denn das heisst man zu viel wagen,
So gemein sich zu betragen,
So zu trinken
Bis zum Sinken.
Fort hinaus
Aus dem Haus!
Rosa. Dass ein wenig Saft der Trauben,
Einen Menschen, sanft wie Tauben,
Des Verstandes kann berauben,
Um ihn so hinaufzuschrauben,
Dass er 'n Hut nicht von der Hauben
Kann mehr auseinanderklauben,
Das ist stark doch, wenn S' erlauben.
Valentin. Glaubt mir doch, ihr lieben Leutel,
Auf der Welt ist alles eitel,
Denn kaum trinkt man vierzehn Seidel,
Hat man schon kein Geld im Beutel,
Schnappt vom Fuss bis zu dem Scheitel
Zsamm als wie ein Taschenfeitel,
Alles eitel. Noch ein Seidel!
Chor. Ei, was nuetzt denn dieses Gaffen,
Fort mit euch, ihr dummen Laffen!
Rosa. Geh und leg dich lieber schlafen!
Valentin. Ich hab einen schoenen Affen.
Chor. Macht uns nicht so viel zu schaffen,
Ihr muesst euch zusammenraffen,
Denn das wird uns schon zu kraus,
Fort mit euch zum Schloss hinaus!
(Fuehren sie hinaus.)
Achtzehnter Auftritt
Verwandlung
Musik. Das Innere einer ganz verfallenen gotischen Kapelle.
Es stehen nur die Mauern noch. Der Mond leuchtet am bewoelkten
Himmel, und sein Licht strahlt gerade durch das Eingangstor,
so dass der Bettler, wenn er die letzte Rede spricht, von ihm
beleuchtet wird.
Der Bettler sitzt an der Ecke der Hinterwand im Dunklen auf
einem niedern Stein.
Flottwell, in einen Radmantel gehuellt, tritt ein.
Flottwell. Die Nacht ist kuehl. Auch zieht in Westen ein
Gewitter auf. Wenn es nur bald voruebergeht! Was rauscht?
Bin ich hier nicht allein? Wer kauert in der Ecke dort?
Hervor!
Der Bettler (steht auf). Ich bins, mein gnaedger Herr, und
habe Sie schon lang erwartet.
Flottwell. Was tritt mir dieser Bettler heut zum drittenmal
entgegen? (Der Bettler tut einen Schritt vor, nun bescheint
ihn der Mond.) Ha! wie der Mond sein Antlitz grass beleuchtet.
Was willst du hier von mir, du grauenhaftes Bild des
selbstgeschaffnen Jammers?
Bettler (kniet). Ach, das verzweiflungsvolle Los meines
geheimnisvollen Elends und meine Herzensangst, dass Sie dies
Land verlassen, zwingen mich, den morschen Leib aufs neue in
den Staub zu werfen. Sie sind der einzige in dieser
unbarmherzgen Welt, auf dessen Grossmut ich noch bauen kann.
Flottwell. Hinweg von mir! je laenger ich dich schaue, je
greulicher kommt mir dein Anblick vor. Dring ihn nicht auf,
ich will dich nie mehr sehen.
Bettler. Es steht bei Ihnen, gnaedger Herr, mich gaenzlich zu
verscheuchen. Doch muessten Sie dafuer ein grosses Opfer bringen.
Oh, geben Sie die Haelfte dieses Schatzes nur, den Sie auf
Ihrer Brust verbergen, und niemals hoeren Sie mich mehr zu
Ihren Fuessen wimmern.
Flottwell. Habgieriges Gespenst! Hat Satan dich verflucht,
dass du der Erde Gold sollst nach der Hoelle schleppen? So ein
frech Begehren kann ja Wahnsinn kaum erfinden. Ein Bettler,
der um Millionen flehet!
Bettler. Vernuenftger ists, sie zu begehren, als sie wie du
vergeuden.
Flottwell. Wie wagst dus, mich zur Rechenschaft zu ziehen?
Du undankbarer Molch, den ich so reich beschenkt!
Bettler. Nie wird ein Bettler mued, den Reichen zu beneiden.
Flottwell. Wie Hundgeklaffe bei des Diebs Erscheinen schallt
sein Gebelfer durch die Nacht!
Bettler (gegen den Eingang rufend). Oh, hoer es, Welt! Oh, hoert
es, Menschen alle! Der ueberreiche Mann laesst einen Bettler darben.
Flottwell (halblaut). Dies graessliche Geschrei wird mich am End
verraten. Schweig doch und nimm dies Gold, um deine Gier zu
stillen. (Er wirft ihm einen Beutel hin.)
(Ferner Donner.)
Bettler (hebt ihn auf. Laut jammernd) Zu wenig ists fuer mich,
mein Elend ist zu gross. Ich lass nicht ab, der Welt mein Leid
zu klagen (zwischen dem Eingang) und ruf die Menschheit zwischen
uns zum Richter auf.
Flottwell. Verstummst du nicht durch Gold, so mach dich Stahl
verstummen. Schweig! oder ich durchbohre dich! (Er zieht den
Degen und durchsticht ihn.)
Bettler (bleibt stehen). Moerder! Dein Wueten ist umsonst! Du hast
mich nicht verwundet. Was ich begehrt, kann mich versoehnen nur.
(Nochmal bittend.) Oh, moechtest du doch jetzt in meine Bitte
willgen.
Flottwell (hartnaeckig). Du willst mich zwingen? Nie!
Bettler (halblaut rufend). So flieh, Verschwender, flieh! Doch
mir entfliehst du nicht, und an der Themse sehen wir uns wieder!
(Ab.)
(Der Mond verbirgt sich hinter den Wolken. Man hoert den Wind
brausen. Blitze leuchten.)
Flottwell. Als ich ihm dort im Mondlicht in das bleiche Antlitz
starrte, ergriff es mich, als saeh ich meines Vaters Geist. Die
Nacht wird stuermisch. Ha! Ein Schatten fliegt daher!
Neunzehnter Auftritt
Voriger. Amalie, in einen Mantel gehuellt, den Kopf mit einem
Maennerhut bedeckt, tritt atemlos ein.
Flottwell. Bist du es, Wolf?
Amalie (stuerzt erschoepft in seine Arme). Nein, ich bin es,
mein Julius!
Flottwell (entzueckt). Amalie! Teures Maedchen! Kommst du so
allein?
Amalie. Ich konnte keine meiner Dienerinnen bewegen, das
ungewisse Los mit der Gebieterin zu teilen. Mein Vater wacht
bei dem Baron. Drum lass uns schnell entfliehen, wenn er nach
Hause kommt, so wird er mich zu sprechen wuenschen.
Flottwell. Es tut mir weh, den treuen Wolf zurueckzulassen.
Doch draengt uns die Gefahr. Wenn wir nur das Gewitter nicht
zu fuerchten haetten!
(Donner. Beide ab.)
Zwanzigster Auftritt
Verwandlung
Das Gestade des Sees. Auf einem Felsen eine Schifferhuette.
Max und Thomas, zwei Schiffer, ziehen einen Kahn mit einem
Segel ans Ufer. Die Wellen des Sees gehen hoch. Es ist nicht
gaenzlich finster, sondern falbes Licht.
Thomas (steht auf dem Fels und zieht das Schiff). Max, zieh
das Segel ein, der Wind zerreisst es sonst.
Max (tut es). Das Hundewetter hat auch kommen muessen, um armer
Leut Verdienst zu schmaelern.
Thomas. Wenn man am Morgen gleich ein altes Weib erblickt, die
brummt, da fuehrt der Henker stets ein Wetter her.
Max. Fluch nur nicht so, sonst geht die See noch immer hoeher.
Einundzwanzigster Auftritt
Vorige. Flottwell. Amalie.
Flottwell. Ha, seid Ihr da? Nun lasst uns schnell von hinnen!
Thomas. Was faellt Euch ein, wer wird in solchem Wetter fahren!
Flottwell. Wir muessen fort. Ich hab euch ja gedungen!
Max. Zum Ueberschiffen. Ja! Allein was zahlt Ihr uns denn fuers
Ertrinken?
Thomas. Der Sturm schmeisst uns den leichten Kahn ja zehnmal um.
Max. Wir segeln nicht!
Flottwell (verzweiflungsvoll). Ihr muesst.
Thomas, Max. Wir wollen nicht!
Amalie (fuer sieh). O Gott, du strafst mich schon in dieser
Stunde.
Flottwell. Ich brenn dir diese Kugel durch den Kopf. (Haelt ihm
ein Terzerol vor.)
Thomas (schlaegt ihm das Pistol mit dem Ruder aus der Hand).
Lasst doch das dumme Zeug. Das Wetter wird schon knallen lassen.
Max. Da muesst Ihr uns auf andre Weise zwingen.
Flottwell. Wohlan, ich gebe euch zweihundert Louisdor, wenn wir
den See im Ruecken haben.
Thomas. Das ist ein Wort! (Zu Max.) Willst du dein Leben wagen?
Max. Warum nicht? Wenn ich hin bin, bin ichs nicht allein.
(Schlaegt ein.)
Thomas (schlaegt in Flottwells Hand). Potz Sturm und Klippen
denn, es gilt. Doch hoert, dass uns das Frauenzimmer da nicht
etwa schreit. Die See ist wie mein boeses Weib, wenn man sich
fuerchtet, treibt sies immer aerger, doch schlaegt man mit dem
Ruder tuechtig sie aufs Maul, da gibt sie nach. Nun kommt!
Flottwell. Nun auf gut Glueck!
(Sie gehen alle vier nach dem Schiff. Musik beginnt. Nach
einigem Herumwerfen des Kahns steuern sie fort. Das Gewitter
wuetet. Es schlaegt ein. Dies drueckt die Musik aus. Seemoeven
fliegen ueber die Buehne. Doch ploetzlich laesst der Sturm nach,
die Wogen gehen niedrer. Der Mond wird zur Haelfte zwischen den
Wolken sichtbar und wirft seinen Schein auf den Bettler,
welcher auf einem kleinen kaum bemerkbaren Kahn mit einem vom
Sturme zerrissenen Segel gebeugt sitzend sachte vorueberfaehrt.
Die Musik spielt die Melodie seines Bettlerliedes. Wenn er fort
ist, vermehrt sich der Sturm, und die Kortine faellt.)
Dritter Aufzug
Zwanzig Jahre spaeter
Erster Auftritt
Flottwells Schloss, wie zu Anfang des zweiten Aktes, nur das
Stammschloss in der Ferne ist zur Ruine verfallen.
Flottwell, ganz aussehend wie der Bettler, sitzt beim Aufgeben
der Kortine an demselben Platz, wo der Bettler sass. Wenn die
Eingangsmusik, welche bei Eroeffnung der Buehne noch mehrere
Takte fortdauert, geendet ist, steht er auf.
Flottwell. So seh ich dich nach zwanzig Jahren wieder, du
stolzer Freudentempel meines sommerlichen Lebens. Du stehst
so ernst und sinnend da, gleich einem Monument ins Grab
gesunkener Glueckseligkeit. Die alte Froehlichkeit scheint auch
aus dir gewichen. Einst schallte Jubel aus den Fenstern dieses
Marmorsaales. Silberne Wuerfel kollerten noch auf dem gruenen
Tisch. Berauschte Spieler stuerzten auf mein Wohl die goldnen
Becher aus, und uebermuetge Freude schwang die riesgen Fluegel.
Nun ist es stumm und still geworden. Der Morgen hat schon lang
sein frohes Lied gesungen, und jene Pforte ist noch immer fest
verschlossen. Oder blickst du nur in diesem Augenblick so ernst,
weil dein Begruender so dich wieder gruesst? Seit ich dich nicht
gesehen, hat sich mein Schicksal sehr geaendert. Ich habe Gattin,
Kind und all mein Gut durch eigne Schuld verloren. Verfolgung
hab ich hier wohl nimmermehr zu fuerchten, denn Flitterstein,
mein groesster Feind, ist in der Schlacht gefallen. Doch wo soll
ich in dieser Lage nun um Beistand flehen? Der edle Praesident--
er hat uns ja vor seinem Tode noch verziehn--ist lang hinueber.
An einige Freunde hab ich schon geschrieben, doch niemand will
den armen Julius mehr kennen. Drum will ich noch das letzte
wagen. Ich will nach Bettlerweise einem Fremden mich vertrauen.
Will dem Besitzer dieses Schlosses sagen, dass ich der erste war,
dessen Aug mit Herrenblick in diesem holden Eigentum geschwelgt,
und dass ich nun nichts mein zu nennen hab als diesen Bettelstab.
Vielleicht, dass ihn die Groesse meines Ungluecks ruehrt. Hier kommt
der Gaertner auf mich zu! den will ich doch befragen.
Zweiter Auftritt
Voriger. Gaertner mit einer Giesskanne, er ist phlegmatisch und
etwas roh.
Flottwell. Guten Morgen!
Gaertner (sieht ihn verdaechtig an). Guten Morgen. (Fuer sich.)
Muss doch den grossen Hund von der Kette loslassen, weil gar so
viel Gesindel immer kommt.
Flottwell. Mein lieber Freund, wollt Ihr so gut sein, mir zu
sagen, wie Euer gnaedger Herr wohl heisst und wie lang er dieses
Schloss besitzt?
Gaertner. Ihr wollt ihn wohl um etwas bitten?
Flottwell. Ich wuensche ihn zu sprechen.
Gaertner (fuer sich). Scheint doch nicht, dass er etwas stehlen
will. (Laut.) Es mag jetzt ohngefaehr zwoelf Jahre sein.
(Rechnet nach) Der Flottwell hats gebaut, der wischt nach
England durch. Da kaufts ein Graf, der starb, und dann nahms
unser Herr, und der wirds wohl auch bis an seinen Tod behalten.
Flottwell. Seid Ihr schon lang in seinem Dienst?
Gaertner. Ziemlich lang, aber gestern hat er mich persoenlich
abgedankt--
Flottwell. Wie tituliert man ihn?
Gaertner (unbedeutend). Herr von Wolf--
Flottwell. Von Wolf? Von der Familie hab ich nie gehoert.
Gaertner. Ja mit der Familie ists auch nicht weit her. Er war
des Flottwells Kammerdiener.
Flottwell (rasch). Mein Kammerdiener? (Fasst sich.) Nicht doch--
Gaertner (macht grosse Augen). Was faellt Euch ein? (Fuer sich.)
Der Mann muss nicht in Ordnung sein? (Deutet aufs Hirn.) Jetzt
will der Lump gar einen Kammerdiener haben. (Laut.) Bei
Flottwell, sagt ich, der in Amerika gestorben ist.
Flottwell. Da hat Euer Herr vermutlich eine sehr grosse Erbschaft
gemacht?
Gaertner. Nichts hat er gemacht! Den Flottwell hat er tuechtig
uebers Ohr gehauen. Da kommt sein Reichtum her. Der war so dumm
und hat ihn noch dafuer beschenkt. Hat ihn gehaetschelt, und
Unserer hat ihn dann brav ausgelacht und sagt ihm noch im Tod
nichts Gutes nach. So gehts den jungen Herrn, die nur vertun
und nichts verdienen koennen. Da haengen sie den Schmeichlern
alles an, die andern Leute sind nicht ihresgleichen, und wenn
sie in die Not dann kommen, lacht sie alles aus. (Gibt ihm
Tabak.) Wollt Ihr eine Prise nehmen?
Flottwell. Ich danke! (Nach einigem Nachdenken.) Ich will
ihn dennoch sprechen!
Gaertner. Nun wenn Ihr ihn in guter Laune findet, vielleicht
schenkt er Euch etwas. (Greift in den Sack.) Ich will Euch
auch auf ein Glas Branntwein geben.
Flottwell (spoettisch). Ihr seid zu gut. Ich bin Euch sehr
verbunden.
Gaertner. Ei, seht einmal! Wenn man ein armer Teufel ist, da
muss man jeden Groschen nehmen. Doch Ihr werdet wohl am besten
wissen, wie Ihr mit Eurer Kassa steht.
Flottwell. Ich dank Euch sehr fuer Euren Unterricht. Mich wundert
aber, dass Ihr das so alles ungescheut von Eurem Herrn erzaehlt.
Gaertner. Frueher haett ich nichts gesagt. Jetzt geh ich aber so
in einigen Tagen fort. Da liegt mir nichts mehr dran!
Flottwell. Sagt mir nur eins noch: Ist Herr von Wolf im Besitze
dieses ungerechten Gutes gluecklich?
(Das Tor oeffnet sich.)
Gaertner. Ob der wohl gluecklich ist? Da schaut ihn an und
ueberzeugt Euch selbst.
Dritter Auftritt
Vorige. Wolf. Er ist sehr gealtert, sieht sehr krank aus, ist
in Pelz gekleidet und geht an einem Stock. Drei Bediente mit ihm.
Flottwell (faehrt zurueck). Himmel! ich haett ihn nicht erkannt.
Wolf (sein Betragen ist sehr duester und sinnend). Ich habe eine
ueble Nacht gehabt. Die Sonne kommt mir heut so truebe vor.
Gaertner. Gnaedger Herr! Es will ein armer Mann Sie sprechen.
Flottwell. Du luegst. Ich bins nicht mehr. (Fuer sich.) In solcher
Naehe macht mich mein Bewusstsein reich.
Wolf. Er kann nicht aermer sein als ich. Wo ist er?
Flottwell (tritt vor). Flottwell nennt er sich.
Wolf (faehrt zusammen). Flottwell? (Fuehlt in die Seite.) Das
hat mir einen Stich gegeben. Die boese Gicht ist doch noch
unbarmherziger, als es die Menschen sind. (Fuer sich.) Er lebt
noch. Und kommt so zurueck? So straft der Himmel seine Suender.
Gaertner. Das ist der reiche Flottwell? Gute Nacht, da will ich
lieber Gaertner sein. (Geht ab.)
Wolf. Herr von Flottwell, ich fuehle mich sehr geehrt, dass Sie
sich Ihres alten Dieners noch erinnern, und bedauere nur, dass
meine Krankheit, die mich schon seit vielen Jahren quaelt, mir
nicht erlaubt, meine Freude ueber Ihre Ankunft so glanzvoll an
den Tag zu legen, als Sie von mir es fordern koennten.
Flottwell. Ich habe nichts zu fordern, gar nichts mehr. Was ich
mit Recht zu fordern hatte, ist mir durch einen Hoehern (blickt
gegen Himmel) schon geworden. Ich wollte nur den Besitzer meines
Schlosses sehen.
Wolf (laechelnd). Ja, es ist ein ganz besondrer Zufall. Ich habe
dadurch eine wahre Anhaenglichkeit an Ihr Haus bewiesen. Der
Himmel hat mich mit Gewinn gesegnet, aber ich habe jetzt grosse
Verluste erlitten. Verzeihen Sie, der Arzt erlaubt mir nicht,
so viel zu sprechen; ich weiss die Ehre Ihres Besuches sehr zu
schaetzen. (Zu den Bedienten.) Geleitet mich zu jener Aussicht
hin. Doch nein! Ins Schloss zurueck. Auch das nicht. Nach dem
Garten. Der Garten ist so schoen. Nur schade, dass die Rosen
schon verwelken. (Wird nachdenkend.) Wie oft werd ich sie
wohl noch bluehen sehen? (Schauert.) Heut ist ein kalter Tag.
Flottwell. Mir scheint die Sonne warm.
Wolf. Mich friert. Geht doch hinab ins Dorf und ruft den
frommen Mann, den ich so gern jetzt um mich habe. Dass er mir
ein moralisches Buch vorliest. Ich hoer so gern moralische Buecher
lesen. Die Welt ist gar so schlecht, und man kann seinen Trost
nur in der Zukunft suchen. (Schleicht in den Garten.)
(Die Bedienten folgen ihm.)
Flottwell (zu dem letzten der Diener). Der Herr ist schwer
erkrankt! Ist er geliebt? Wuenscht man ihm langes Leben?
Diener (schuettelt den Kopf und sagt gleichgiltig). Er ist ein
geiziger Filz, den niemand leiden kann, und in einigen Wochen
wirds wohl mit ihm zu Ende gehn. Adieu! (Folgt den andern in
den Garten nach.)
Flottwell (sieht gegen Himmel und schlaegt die Haende zusammen).
O Flottwells Schloss, was beherbergst du fuer Menschen jetzt! Was
soll ich nun beginnen? Die wenigen Taler, die ich noch besass,
hab ich auf meiner mondenlangen Wanderung verzehrt. Ich hab
gespart und trocknes Brot gegessen, und doch besitze ich nicht
einen Pfennig mehr. Dort mein altes Schloss! (Sieht nach der
Ruine in der Ferne.) Es ist zum Sinnbild meines jetzgen Gluecks
zusammgestuerzt. (Er bleibt mit verschraenkten Armen nachdenkend
stehen.)
Vierter Auftritt
Voriger. Valentin, in buergerlicher Tracht als Tischlermeister,
einen Hobel im Sack, kommt trillernd. Er hat schon dunkelgraues
Haar.
Valentin.
Wenn ein Tischler frueh aufsteht,
Tralalala--
(Sieht Flottwell.)
Schau, schau, da ist ein armer Mann. Ich muss ihm doch was
schenken. (Er nimmt einen Groschen aus dem Sack und will
ihn Flottwell reichen, doch stutzt er, als er ihn erblickt.)
He Alter! (Flottwell kehrt sich gegen ihn.) Was ist--Ich
weiss nicht, dieses Gsicht--das Gsicht ist mir bekannt--
jetzt trau i ihm fast den Groschen gar nicht zu geben--
Flottwell. Was wollt Ihr denn?
Valentin (noch gereizter). Die Stimm--das wird doch nicht?
(Er zittert.) Sie, hoeren S'--das waer entsetzlich Bitt um
Verzeihung! Sie, kennen Sie das Schloss?
Flottwell (geruehrt). Ob ich es kenne, Freund? Es war ja einst
mein Eigentum!
Valentin (schreit rasch). Mein gnaedger Herr! (Eine Mischung
von Freude, Wehmut und Erstaunen macht ihn erzittern, er weiss
sich nicht zu fassen. Ruft noch einmal.) Mein gnaedger Herr!
(Die Traenen treten ihm in die Augen, er kuesst ihm stumm die
Hand.)
Flottwell. Wer bist du, Freund?
Valentin. Der Valentin. Kennen mich Euer Gnaden denn nimmermehr?
Der Tischlergsell, der einmal bei Ihnen gearbeitet hat und
den Sie als Bedienten aufgenommen haben, weil er Ihnen so gut
gfallen hat.
Flottwell (gutmuetig). Valentin? der gute ehrliche Valentin.
Und du erinnerst dich noch meiner?
Valentin. Ob ich mich erinnere? O Gott! Euer Gnaden waren ja
so gut mit mir und haben mir ja so viel geschenkt. Einen
Dukaten hab ich mir noch aufgehoben, (gutmuetig) aber die
andern hab ich alle ausgegeben.
Flottwell. Und geht es dir gut?
Valentin. Nu mein! Wies halt einen armen Tischler gehn kann.
Auf dem Land ist ja nicht viel zu machen. Ich bin zufrieden.
Flottwell. Dann bist du gluecklich!
Valentin. Nu, man nimmts halt mit, solang als Gott will. Aber
Euer Gnaden scheinen mir gar nicht zufrieden zu sein.
Flottwell. Nicht wahr, ich hab mich sehr geaendert?
Valentin (verlegen). Ah nein! nein! Euer Gnaden schauen gut aus--
gut--recht gut. A bissel strapaziert, aber--(Beiseite.) Das
kann man ja einen solchen Herrn nicht sagen.
Flottwell. Mein guter Valentin, nun kann ich dich nicht mehr
beschenken.
Valentin. Beschenken? Euer Gnaden werden mich doch jetzt nicht
mehr beschenken wollen. Da muesst ich Euer Gnaden richtig voellige
Grobheiten antun. (Fasst sich.) Bitt um Verzeihung! Ich red
manchmal, als wenn ich Hobelschatten im Kopf haett. Seit ich
wieder Tischler bin, hab ich mein ganze Politur verloren.
Flottwell (fuer sich). Soll ich mich ihm entdecken?
Valentin (fuer sich). Ich trau mir ihn gar nicht zu fragen.
Mir scheint, er ist voll Hunger.
Flottwell. Gehst du nach Hause?
Valentin. Nein! Ich soll im Wirtshaus drueben die Tuer zusammnageln,
weil s' gestern einen hinausgeworfen haben, und da ist er ihnen
a bissel angekommen an die Tuer, und da hat s' einen Sprung
kriegt. Und dann hab ich der Schulmeisterin eine neue Linier
ma
Livros Grátis
( http://www.livrosgratis.com.br )
Milhares de Livros para Download:
Baixar livros de Administração
Baixar livros de Agronomia
Baixar livros de Arquitetura
Baixar livros de Artes
Baixar livros de Astronomia
Baixar livros de Biologia Geral
Baixar livros de Ciência da Computação
Baixar livros de Ciência da Informação
Baixar livros de Ciência Política
Baixar livros de Ciências da Saúde
Baixar livros de Comunicação
Baixar livros do Conselho Nacional de Educação - CNE
Baixar livros de Defesa civil
Baixar livros de Direito
Baixar livros de Direitos humanos
Baixar livros de Economia
Baixar livros de Economia Doméstica
Baixar livros de Educação
Baixar livros de Educação - Trânsito
Baixar livros de Educação Física
Baixar livros de Engenharia Aeroespacial
Baixar livros de Farmácia
Baixar livros de Filosofia
Baixar livros de Física
Baixar livros de Geociências
Baixar livros de Geografia
Baixar livros de História
Baixar livros de Línguas
Baixar livros de Literatura
Baixar livros de Literatura de Cordel
Baixar livros de Literatura Infantil
Baixar livros de Matemática
Baixar livros de Medicina
Baixar livros de Medicina Veterinária
Baixar livros de Meio Ambiente
Baixar livros de Meteorologia
Baixar Monografias e TCC
Baixar livros Multidisciplinar
Baixar livros de Música
Baixar livros de Psicologia
Baixar livros de Química
Baixar livros de Saúde Coletiva
Baixar livros de Serviço Social
Baixar livros de Sociologia
Baixar livros de Teologia
Baixar livros de Trabalho
Baixar livros de Turismo