Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend
Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschaeften, wie er sagte,
da er als Landarzt--Kreisphysikus wuerde man's heute nennen--einen
gewaltig grossen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk,
Hirten, Baerenjaeger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heisser Tag,
und er hatte bei seiner Praxis ueberall scharf gezecht, hineingegossen,
was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein
oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine
Gletscherhoehle kommt, denkt er, du willst ein Schlaefchen machen,
streckt sich in der daemmerigen blauen Eisspelunke hin und schlaeft
richtig ein. Was weiter geschehen, wusste er freilich nicht zu sagen,
und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, dass Schnee-
oder Eismassen um ihn zusammengestuerzt und heute erst wieder aufgetaut
sein muessten, dass er, wie jenes Mammutungetuem im Polareise, frisch und
ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit
dem Unterschiede, dass auch sein Geist, dank dem vielen genossenen
Spiritus, durch den unmaessigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden
gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Raetsel
auf vier gesunden Beinen in unsere entgoetterte Welt hineinsprengen
koenne. Ich suchte ihm in aller Kuerze, so gut es ging, ueber die
ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem
Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, dass die summarische
Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte.
Er schuettelte nur den Kopf, als ich ihm erzaehlte, die Goetter
Griechenlands seien ein ueberwundener Standpunkt, und mit dem kleinen
Lutherischen Katechismus wusste er ebensowenig anzufangen wie mit dem
heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwaelzungen der
letzten dreitausend Jahre liessen ihn voellig kalt. Als ich endlich
schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen
Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da
vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz
gleichgueltig. So viel merke er, dass ihm ein recht haemischer Possen
gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen
sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er
sich eben nicht schaeme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die
Welt viel lumpiger, schaebiger und nicht einmal gescheiter geworden zu
sein, die Waelder duenner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine
Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins
Griechische uebersetzte)--plumper und einfaeltiger. Nun erzaehlte er,
was er seit seinem Erwachen fuer Erfahrungen gemacht hatte.
Kaum war ihm naemlich sein Gletschermantel von den Schultern
geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den
Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, aergerlich ueber die,
wie er waehnte lange Versaeumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen
schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als
er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, dass er noch
fortzutraeumen glaubte. Dichte Waelder, durch die er sich sonst pfadlos
hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der
Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kuehe
weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu
angefuellt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken
ueber Giessbaeche gelegt, die er frueher mit einem maechtigen Satz hatte
ueberspringen muessen. Kopfschuettelnd hielt er still und ueberlegte bei
sich, wie sich das alles ueber Nacht verwandelt haben moechte. Da er
aber kein Freund von ueberfluessigem Nachsinnen war, beschloss er, eine
benachbarte Waldnymphe um Aufschluss zu bitten, mit der er auf
vertraulichem Fusse stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht
hinunter, aus der noch wie damals die maechtigen Edeltannen