aber ist mir nie in den Sinn gekommen. Wir nahmen daher keine Notiz
voneinander. Einmal nur, um mich zu necken, machten ihr meine
Kameraden glauben, ich hätte nach ihren Eßwaren verlangt. Sie trat zu
meinem Arbeitstisch und hielt mir ihren Korb hin. Ich kaufe nichts,
liebe Jungfer, sagte ich. Nun, warum bestellen Sie dann die Leute?
rief sie zornig. Ich entschuldigte mich, und sowie ich die Schelmerei
gleich weg hatte, erklärte ich ihr's aufs beste. Nun, so schenken Sie
mir wenigstens einen Bogen Papier, um meine Kuchen daraufzulegen,
sagte sie. Ich machte ihr begreiflich, daß das Kanzleipapier sei und
nicht mir gehöre, zu Hause aber hätte ich welches, das mein wäre,
davon wollt' ich ihr bringen. Zu Hause habe ich selbst genug, sagte
sie spöttisch und schlug eine kleine Lache auf, indem sie fortging.
Das war nur vor wenigen Tagen geschehen, und ich gedachte aus dieser
Bekanntschaft sogleich Nutzen für meinen Wunsch zu ziehen. Ich
knöpfte daher des andern Morgens ein ganzes Buch Papier, an dem es bei
uns zu Hause nie fehlte, unter den Rock und ging auf die Kanzlei, wo
ich, um mich nicht zu verraten, meinen Harnisch mit großer
Unbequemlichkeit auf dem Leibe behielt, bis ich gegen Mittag aus dem
Ein- und Ausgehen meiner Kameraden und dem Geräusch der kauenden
Backen merkte, daß die Kuchenverkäuferin gekommen war, und glauben
konnte, daß der Hauptandrang der Kunden vorüber sei. Dann ging ich
hinaus, zog mein Papier hervor, nahm mir ein Herz und trat zu dem
Mädchen hin, die, den Korb vor sich auf dem Boden und den rechten Fuß
auf einen Schemel gestellt, auf dem sie gewöhnlich zu sitzen pflegte,
dastand, leise summend und mit dem auf den Schemel gestützten Fuß den
Takt dazu tretend. Sie maß mich vom Kopf bis zu den Füßen, als ich
näher kam, was meine Verlegenheit vermehrte. Liebe Jungfer, fing ich
endlich an, Sie haben neulich von mir Papier begehrt, als keines zur
Hand war, das mir gehörte. Nun habe ich welches von Hause mitgebracht
und--damit hielt ich ihr mein Papier hin. Ich habe Ihnen schon
neulich gesagt, erwiderte sie, daß ich selbst Papier zu Hause habe.
Indes, man kann alles brauchen. Damit nahm sie mit einem leichten
Kopfnicken mein Geschenk und legte es in den Korb. Von den Kuchen
wollen Sie nicht? sagte sie, unter ihren Waren herummusternd, auch ist
das Beste schon fort. Ich dankte, sagte aber, daß ich eine andere
Bitte hätte. Nu, allenfalls? sprach sie, mit dem Arm in die Handhabe
des Korbes fahrend und aufgerichtet dastehend, wobei sie mich mit
heftigen Augen anblitzte. Ich fiel rasch ein, daß ich ein Liebhaber
der Tonkunst sei, obwohl erst seit kurzem, daß ich sie so schöne
Lieder singen gehört, besonders eines. Sie? Mich? Lieder? fuhr sie
auf, und wo? Ich erzählte ihr weiter, daß ich in ihrer Nachbarschaft
wohne und sie auf dem Hofe bei der Arbeit belauscht hätte. Eines
ihrer Lieder gefiele mir besonders, so daß ich's schon versucht hätte
auf der Violine nachzuspielen. Wären Sie etwa gar derselbe, rief sie
aus, der so kratzt auf der Geige?--Ich war damals, wie ich bereits
sagte, nur Anfänger und habe erst später mit vieler Mühe die nötige
Geläufigkeit in diese Finger gebracht", unterbrach sich der alte Mann,
wobei er mit der linken Hand, als einer, der geigt, in der Luft
herumfingerte. "Mir war es", setzte er seine Erzählung fort, "ganz
heiß ins Gesicht gestiegen, und ich sah auch ihr an, daß das harte
Wort sie gereute. Werte Jungfer, sagte ich, das Kratzen rührt von
daher, daß ich das Lied nicht in Noten habe, weshalb ich auch
höflichst um die Abschrift gebeten haben wollte. Um die Abschrift?
sagte sie. Das Lied ist gedruckt und wird an den Straßenecken
verkauft.--Das Lied? entgegnete ich. Das sind wohl nur die Worte.
--Nun ja, die Worte, das Lied.--Aber der Ton, in dem man's singt.
--Schreibt man denn derlei auch auf? fragte sie.--Freilich! war meine
Antwort, das ist ja eben die Hauptsache. Und wie haben denn Sie's